Judith Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste

||Judith Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste

Judith Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste

Von | 2018-11-30T18:23:01+00:00 18. Dezember 2018|Tags: , |0 Kommentare

Die Bücher von Judith Schalansky sind immer schön. Sie sind inhaltlich klug und äußerlich wahre Kunstwerke des Buchherstellungshandwerks. Schalansky als Buchgestalterin überlässt nichts dem Zufall, alles stimmt. Fadenheftung, Papier, Drucksatz, Einband. Das bibliophile Herz schlägt Purzelbäume bei den von ihr gestalteten „Naturkunden“ im Matthes & Seitz Verlag. Und auch dieses neue Buch (diesmal nicht mit Texten anderer Autoren, sondern mit eigenen) ist so schön, riecht so gut und fühlt sich so gut an, dass der Inhalt fast zweitrangig erscheint. Besonders toll sind die vordergründig schwarzen Seiten, die jedem Kapitel vorangestellt sind. Das sind echte Hingucker und machen das Buch zu einem Gesamtkunstwerk. Denn auf diesen Seiten sind die Schatten der verloren gegangenen Dinge zu sehen.

Das Auge sieht, das Hirn ergänzt.

In diesem also sehr schönen Buch geht es um oberflächlich betrachtet traurige Themen, nämlich um Untergegangenes. In sich abgeschlossene Kapitel spüren vollkommen unterschiedlichen verschwundenen Dingen, Tieren und Orten nach. Mal ist es ein offenbar autobiographischer Text, mal ein historischer Reisebericht. Mal ist man in das Römische Reich versetzt und bestaunt den ausgestorbenen Kaspischen Tiger. Mal steckt man mitten im 18. Jahrhundert und begegnet den ersten Denkmalpflegern. In diesem Kapitel werden grundlegende Themen des Buches umkreist. Denn Vergehen ist, bei allen verzeichneten Verlusten, nicht einfach nur schlecht. Schon das Wort impliziert auf ein „Gehen“, eine Fortbewegung.

Das Neue […] erfordert die rücksichtslose Zerstörung des Alten.

Das schreibt Schalansky über das Werk des Ruinenmalers Hubert Robert, der im 18. Jahrhundert den Untergang des Ancien Régime zeichnend bezeugte. Unzählige Bilder von zerstörten Gebäuden sind von ihm überliefert.

Der Schreibstil von Judith Schalansky erinnert mich vor allem dank seiner scheinbar unaufgeregten, lakonischen Beiläufigkeit sehr an W.G. Sebald. Alle Kapitel haben trotz ihrer jeweiligen Unterschiedlichkeit diesen bestimmten, typischen, literarischen Schalansky-Tonfall, der mindestens genauso schön ist wie das äußere Gewand des Buchs, weshalb Sie es unbedingt nicht nur herzen, sondern auch lesen sollten. Jedes Kapitel ist gleich lang, was Beifall verdient, denn dadurch kommt den eingangs erwähnten schwarzen Blättern eine letztendlich formgebende und gestalterische Funktion zu. Ästhetik pur!

Das Buch ist 2018 bei Suhrkamp erschienen und kostet € 24,00.