Francesca Melandri: Alle außer mir

||Francesca Melandri: Alle außer mir

Francesca Melandri: Alle außer mir

Von | 2018-09-28T18:07:57+00:00 02. Oktober 2018|Tags: , |0 Kommentare

Die römische Autorin und Drehbuchautorin Francesca Melandri, Jahrgang 1964, entfaltet in ihrem Roman „Alle außer mir“ eine epochale Familiengeschichte über drei Generationen und lässt gleichzeitig ein Zeitzeugnis der italienischen Geschichte des 20. Jahrhunderts entstehen.

Die Geschichte beginnt im Jahr 2010, als vor der Haustür der Lehrerin Ilaria ein junger Flüchtling aus Äthiopien steht und behauptet, ihr Neffe zu sein. Sie beginnt zu recherchieren  und deckt nach und nach die Lebenslügen ihres Vaters auf, der als Zwanzigjähriger für den Abessinienkrieg angeworben wird, im Laufe dessen er zu zweifelhaften Ehren gelangt, die sich später in Italien wiederum positiv auf seine weitere Karriere auswirken. Ihr Vater, der sich selbst immer als Partisan bezeichnet hat, entpuppt sich als Faschist, der während seiner Zeit in Äthiopien an Gräueltaten sowie der Ausbeutung der Bevölkerung beteiligt war. Zurück in Italien frönt er weiterhin seinem ausprägten Narzissmus. Nachdem er seine äthiopische Familie im Stich gelassen hat, gönnt er sich in der Heimat gleich zwei Familien nebeneinander. Als er am Ende des Buches hochbetagt und dement stirbt, kommt auf seiner Beerdigung sozusagen als I-Tüpfelchen allen Übels noch ein schreckliches Detail seiner Lebensgeschichte ans Licht.

Das Buch beginnt mit einem Paukenschlag und endet mit einem Donnerhall. Dazwischen schildert die Autorin mit einer lakonischen Sprache die Kolonialisierung Ostafrikas von 1935-38 sowie das Nachkriegsitalien bis heute mit der hochaktuellen Flüchtlingskrise.

Abschließend sei gesagt, dass sich das Buch trotz der schweren Thematik sehr flüssig liest und die Spannung durchgehend hält, was nicht zuletzt dem Wechsel der Zeitebenen sowie den unterschiedlichen Perspektiven geschuldet ist. Was es mit dem Leser macht, muss jeder für sich entscheiden; eines ist sicher, es hallt lange nach u. lässt einen nicht ungerührt zurück.

Die Autorin hat 10 Jahre lang in Archiven recherchiert und war mehrfach in Äthiopien, um noch Zeitzeugen zu finden und zu befragen.

Das Buch ist 2018 bei Wagenbach erschienen und kostet € 26,00.

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