An einem ganz gewöhnlichen Dienstagnachmittag bricht auf der Straße eine Frau, Mitte 40, bepackt mit Einkaufstüten, zusammen. Es ist Pina Luxen, die nach wochenlangen Schmerzen mit einem Magendurchbruch auf der Intensivstation des Krankenhauses eingeliefert und aus ihrem Alltag herausgerissen wird. In diesem Augenblick bricht auch die Welt von Pinas erwachsenem Sohn auseinander, die sie mühevoll und mit viel Geduld zusammenhält. Leo arbeitet in einer Behindertenwerkstatt und träumt davon, Busfahrer zu werden. Seine Tage folgen einem bestimmten Ablauf, der für Außenstehende unverständlich ist. Er braucht feste Rituale, die ihn durch das Leben manövrieren, in dem er nicht ganz trittsicher ist.
Doch wer soll sich jetzt um Leo kümmern, der nicht versteht, wieso seine “Mutsch“ auf einmal nicht mehr da ist und darauf mit unkontrollierten, lautstarken Gefühlsausbrüchen reagiert? Die mürrische Witwe Inge Russek, die im gleichen Haus lebt, aber ihre Wohnung schon seit Jahren nicht mehr verlässt, wartet lieber ungeduldig auf ihr Lebensende und fühlt sich zu alt für diese Aufgabe. Auch der unglücklich verliebte Einsiedler Wojtek, der seltene Kristallfiguren sammelt, geht dieser Verantwortung zunächst aus dem Weg. Doch als die dritte Hausbewohnerin, Zola, ein ständig wütender, rebellischer Teenager, Zugang zu Leo findet und ihn beruhigen kann, wächst die Nachbarschaft unfreiwillig zusammen. Aus Fremde werden Verbündete, die mit Improvisationstalent das Durcheinander in Leos Leben neu sortieren und dabei selbst lernen, was es bedeutet Nähe zuzulassen.
Mit sehr viel Empathie und einem feinen Sinn für Situationskomik erzählt die Rheinländerin Vera Zischke in ihrem zweiten Roman „Pina fällt aus“ eine warmherzige Geschichte über eine sorgende Hausgemeinschaft und deren Zusammenhalt. Die schrägen Charaktere sind facettenreich und gewinnen sofort die Herzen der Leser. Aber vor allem macht das Buch sichtbar, was Pflege, Fürsorge und Betreuung bedeutet und wie fragil dieses Gerüst ist, wenn es nur eine tragende Säule gibt.
(Viviana Domokos)

