Endlich auch auf Deutsch erschienen: Der frühe Roman der beliebten Autorin, mit dem sie in Norwegen mit einem Schlag bekannt wurde. Die Hauptfigur ist ihrer Ururgroßmutter nachempfunden, die im 19. Jahrhundert die langjährige Familientradition trotz vieler Widrigkeiten fortführte und damals schon durch ihr selbstbewusstes Auftreten und ihre starke Durchsetzungskraft bekannt war.
Kristiane wächst auf einer kleinen Fischerinsel an der norwegischen Westküste auf. Das Leben ist schwer und von den gewaltigen Natureinflüssen geprägt. Sie ist der Liebling ihres Vaters, der in jüngster Generation das Lotsenpatent der Familie inne hat. Von ihm lernt sie nicht nur rudern, segeln und navigieren, auch auf seinen Lotsenfahrten darf sie dabei sein. Die schwere Männerarbeit geht ihr leicht von der Hand und sie erfüllt ihren Vater mit großem Stolz. Nur einen Haken gibt es. Sie ist eine Frau und nur männliche Nachkommen können den Lotsenposten erben. Als der Vater während einer Fahrt auf See bleibt, muss Kristiane innerhalb kürzester Zeit einen Ehemann finden, der dann das Patent übernehmen darf, so will es das Gesetz.
Sie reißt im wahrsten Sinne des Wortes das Ruder nochmal herum und heiratet Anders, wird schwanger und alles scheint gut zu werden. Doch dann schlägt das Schicksal erneut zu und auch Anders bleibt während eines Sturms auf See zurück. Kristiane steht erneut vor einem Scherbenhaufen. Sie muss sich um Mutter, Schwester und ihr ungeborenes Kind kümmern und das Lotsenmandat erlischt, wenn sie nicht so schnell wie möglich wieder heiratet.
Mit ihrer Protagonistin Kristiane hat die Autorin eine interessante und ambivalente Figur entworfen. Einerseits ist sie taff und schon sehr emanzipiert, auf der anderen Seite hat sie eine eine große Schwäche und das sind Männer bzw. besonders ein Mann, Fredrik, für den sie große Leidenschaft empfindet, der aber in ihren Lebensentwurf nicht reinpasst. Doch es gibt auch noch Lars, ihren Freund aus Kindertagen, der mühelos das Lotsenmandat ihres ersten Mannes weiterführen könnte. Wie wird sie sich entscheiden?
Der Roman ist atmosphärisch dicht erzählt. Die Gezeiten der rauen See spülen durch die Seiten und reißen uns mit. Die zurückgenommene Sprache spiegelt das damalige karge und mühsame Leben auf einer kleinen Fischerinsel wider. Neben all diesen Naturgewalten ist die Geschichte auch voller poetischer Momente und Spannung. Das macht einen großen Reiz beim Lesen aus. Am Ende präsentiert uns die Autorin sehr geschickt einen Cliffhanger. Fortsetzung folgt schon bald!
(Sylvia Jongebloed)
Trude Teige: Der Gesang der See. Fischer Verlag 2026, € 22,00.
Übersetzt von Günther Frauenlob

