Vorweg: Den kleinen Jungen auf dem Cover des Buches gab es wirklich. Zwischen 1945 und 1950 startete das Deutsche Rote Kreuz Millionen von Suchanfragen, davon betrafen rund 300.000 Kinder, die während des Krieges von ihren Familien getrennt wurden. Anhand von zwei fiktiven Figuren schildert dieser Roman sehr berührend, aber ohne Pathos das Leben von Heimkindern der damaligen Zeit sowie ihren weiteren Lebensweg als Erwachsene.

1945: Ein Kindertransport aus Danzig kommt in Westdeutschland an. Der kleine Junge hat ein Pappschild um den Hals, das man bis auf die Buchstaben WIL nicht lesen kann. Er spricht nicht. Seine Größe und sein Gewicht werden notiert. Aufgrund der Ausbildung seiner Backenzähne wird sein Alter auf 3 Jahre geschätzt. Da gerade der Buchstabe H an der Reihe ist, bekommt er den Namen Hartmut, später Hardy, Willeiski und die Nummer 104.

1947/48: Hardy ist in einem von Nonnen geführten Heim im Sauerland gelandet. Er spricht immer noch nicht, nässt sich fast jede Nacht ein, und wird deshalb fälschlicherweise als schwachsinnig eingestuft. Tatsächlich ist er schwer traumatisiert und voller Ängste, was aber niemanden auffällt bzw. interessiert. Im Gegenteil, die Nonnen schüren diese Ängste noch, verteilen harte und unwürdige Strafen. Im Laufe der Zeit freundet er sich mit der älteren Margret an, die sich fortan seiner annimmt. Sie ist die einzige, mit der er spricht. Dann kommt ein Filmteam vom Suchdienst des Roten Kreuzes ins Heim. Eine Tante von Margret meldet sich daraufhin und holt sie zu sich nach Hause. Nun ist Hardy wieder allein. Kann sich auch seine Situation zum Guten wenden?

Genau hier setzt die eigentliche Handlung ein. Wie wirken sich diese Nachkriegsfolgen auf das spätere Leben der Betroffenen aus: Kriegstraumata, Verlust von nahen Angehörigen, von Heimat und Identität. Wie lebt man damit, nur eine Nummer in einer Akte zu sein? Die Versuche, später diese traumatischen Erfahrungen zu verdrängen, münden in Sprachlosigkeit und Verschweigen und übertragen sich in Form von unbewussten Ängsten auf die nachfolgenden Generationen.

Besser als in jedem Sachbuch ist es der Autorin gelungen, uns diese oft verdrängte Thematik nahezubringen. Unsentimental, aber mit dem nötigen Respekt und viel Empathie für ihre Figuren gelingt es ihr, eine Zeit wieder auferstehen zu lassen, die mancher schon vergessen glaubte, die aber in vielen Familien noch unterschwellig weiterlebt. Ein eindringlicher und sehr berührender Roman, der ohne falsche Pathetik auskommt und noch lange in Erinnerung bleiben wird.

(Sylvia Jongebloed)


Susanne Abel: Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104. dtv Verlag 2025, € 24,00.