Die Australierin Judith Rossell war einige Jahre als Wissenschaftlerin für ihre Regierung tätig, bevor sie sich als Autorin und Illustratorin selbständig machte. Die Übersetzerin Bettina Obrecht ist Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland und wurde mehrfach ausgezeichnet als Kinderbuchautorin und Übersetzerin.

Dieser spannende und ungewöhnliche Abenteuerroman für Kinder ab 10 Jahren ist äußerst stimmig und sorgfältig erzählt und gestaltet. Maritimes Flair zieht sich durch wie ein blauer Faden, vom Titel über den Namen der Hauptfigur bis zum kompletten Druck von Schrift und Illustration in blauer Farbe auf weißem Grund.

Doch anders als vielleicht erwartet taucht kein einziger Pirat auf, stattdessen kreist ein Luftschiff über der Stadt und die Geschichte ist bevölkert von tatkräftigen jungen Mädchen, die, als unerwünscht abgeschoben in ein vermeintlich strenges und abweisendes Kinderheim, eine Stärkung ihres Selbstbewusstseins erfahren und in allen möglichen Disziplinen geschult werden, bis sie zu lebenstüchtigen, unerschrockenen Detektivinnen aufgeblüht dem verzwickten Fall der verschwundenen Miss Fenchurch nachgehen können.

Zu Beginn wird Maggie Fishbone mangels stiller, mädchenhafter Bescheidenheit aus ihrem Waisenhaus abgeschoben in das Midwatch-Institut für Waisen, Ausreißerinnen und unerwünschte Mädchen, dessen abweisende Strenge jedoch nur so lange währt, bis die Erziehungsberechtigten das Gebäude verlassen haben.

Die neuen Mädchen bekommen jeweils eine Puppe überreicht, die sich komplett auseinandergenommen als Survival-Multitool herausstellt. Passend hierzu gibt es Lektionen unter der Überschrift: „Nützliche Dinge, die jedes Mädchen wissen sollte“. Das reicht von „Wie man ohrenbetäubend laut brüllt“, „Wie man lautlos geht“, „Wie man Nachrichten im Morsecode versendet“„Wie man (beim Ballwerfen) genau zielt“ über Knotenknüpfen, Kompasshandhabung und Flucht vor Krokodilen bis hin zu „Wie man spontan kluge Entscheidungen trifft“.

Solcherart gebildet entdecken die Kinder im schriftlichen Urlaubsgesuch der vermeintlich verreisten Miss Fenchurch einen versteckten Hilferuf, und das Abenteuer beginnt.

Die Handlung spielt in einer unbestimmten Zeit mit Anlehnung an die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts, also jenseits der neuen Medien, welche aber Dank einer geheimnisvollen Prise Steampunk und der Einführung in äußerst interessante analoge Fähigkeiten überhaupt nicht vermisst werden.

In diesen Einführungen, eingeschoben zwischen die Kapitel, spricht die Erzählstimme die handelnden Kinder und somit auch die Lesenden direkt an. Das wirkt in Kombination mit der äußerst mitreißenden Handlung so einladend, dass als Nebenwirkung dieser rundum gelungenen Geschichte plötzlich Gedichte und Morsecodes auswendig gelernt, die Treffsicherheit beim Ballspiel perfektioniert oder Charleston getanzt werden wird, da bin ich mir sicher.

(Evi Junker)


Judith Rossell: Midwatch – Schule der unerwünschten Mädchen. Penguin junior 2025, € 16,00.

Übersetzt von Bettina Obrecht und reich illustriert von der Autorin