Im Jahr 1843 setzt ein kleines Ruderboot den verarmten Geistlichen John Ferguson auf einer abgelegenen Shetlandinsel im Nordmeer ab. Im Auftrag des Gutsbesitzers Henry Lowrie soll er den letzten verbliebenen Bewohner überzeugen, seine Heimat zu verlassen und ihn nach Aberdeen bringen. Das Land soll rentabler genutzt werden und die Ansiedlung von fünfzehnhundert Schafen Lowrie noch reicher machen.
Obwohl sich seine Frau Mary große Sorgen macht und moralische Zweifel geäußert hat, hat der gutgläubige Pfarrer der schottischen Freikirche dieses gefährliche, aber lukrative Angebot angenommen. Aber schon kurz nach der Ankunft stürzt er von den felsigen Klippen und wird bewusstlos. Als er wieder aufwacht, findet er sich in der Hütte von Ivar wieder – dem Mann, den er von der Insel vertreiben soll. Der schweigsame Schafbauer pflegt und versorgt den fremden Gast, ohne etwas von den Gründen seines Aufenthalts zu ahnen.
Da Ivar nur einen unbekannten Dialekt spricht, können sich die zwei Männer kaum verständigen. Trotzdem entsteht eine vorsichtige Annäherung, die Johns Bedenken mit jedem Tag wachsen lassen. Bald schon wird er vom inneren, emotionalen Konflikt zermürbt. Der Zeitpunkt, an dem er und Ivar abgeholt werden sollen, rückt immer näher.
„Ein klarer Tag“ ist das richtige Buch für ein ungemütliches Winterwochenende. Auf nur knapp 200 Seiten schafft es die Autorin Carys Davies mit ihrer dichten und schnörkellosen Sprache die besondere Atmosphäre auf der kargen Insel einzufangen. Mit viel Gespür für Details beschreibt sie bildhaft die raue Schönheit der Natur und den ruhigen, einsamen Lebensrhythmus mit ihr. Bis zum Schluss bleibt es ungewiss, ob die die fragile Freundschaft ihrer Figuren bestehen kann.
(Viviana Domokos)
Carys Davies: Ein klarer Tag. Luchterhand 2024, € 24,00.
Übersetzt von Eva Bonné

