Saviano, der nach Morddrohungen durch die Camorra schon seit Jahren unter Personenschutz steht, hat nach der wahren Geschichte „Falcone“ mit seinem aktuellen Roman wieder eine reale True Crime Story aufgegriffen, wobei er wieder akribisch recherchiert hat. Vorweg, die hier beschriebene Liebesgeschichte ist nur der Auslöser eines schrecklichen Verbrechens, dessen Ausmaße ungeheuerlich und zutiefst verstörend sind.
Rossella Casini ist eine junge Studentin Anfang 20, die in Florenz in einer WG lebt. Eines Tages zieht in die Männer-WG in ihrem Haus ein neuer Mitbewohner ein, Francesco aus Süditalien. Der Funke springt nicht sofort über, dann aber um so heftiger. Die beiden werden ein Paar. Doch was als leidenschaftliche Romanze beginnt, bekommt erste Risse, als Rosella erfährt, dass seine Familie mit der `Ndrangheta, der kalabrischen Mafia, sympathisiert bzw. in ihr sogar verstrickt ist.
Sie folgt ihm in seine Heimat und wird innerhalb seiner Familie zurückhaltend freundlich aufgenommen. Rosella ist zwar, was ihre Liebe zu Francesco betrifft, naiv, aber sie ist nicht dumm. Immer mehr durchschaut sie das grausame Geflecht, in das seine Familie verfangen ist. Sie versucht ihn davon zu überzeugen, dass er sich von seinen Angehörigen trennen muss, doch so einfach ist das nicht. Als sie ihr Schweigen bricht, verstößt sie gegen das oberste Gesetz der Mafia und bringt dadurch einen Stein ins Rollen.
Saviano erzählt über diese Liebesgeschichte, wie die Clan-Kriminalität funktioniert. Die Männer kümmern sich um die Geschäfte und Probleme, die Frauen bleiben im Hintergrund, schweigen aus Loyalität zur Familie. Nur durch diesen Ehrenkodex funktioniert das System, Zuwiderhandlungen enden tödlich. Der Autor erweist sich wieder als exzellenter Rechercheur. Wie für seine anderen Bücher, hat er auch für diesen Roman unzählige Protokolle und Gerichtsurteile studiert.
Seine Stilmittel sind mal filmisch fiktional, dann wieder rein dokumentarisch, beides untermauert durch literarische Tiefe. Nachvollziehbare Dialoge und überzeugende Charaktere machen dieses Buch aus. Dabei stehen die Gedanken der handelnden Personen mehr im Fokus als letztlich ihr Handeln. So wird eine ungeheure Spannung aufgebaut und der Leser verstrickt sich immer mehr in die Geschichte. Saviano versucht über dieses Buch, der Protagonistin nicht nur eine Stimme zu verleihen, sondern ihr auch ein Maximum an Würde zurückzugeben. Fazit: Eine düstere Lovestory trifft auf grausame Realität, eine fesselnde Kriminalgeschichte, die uns nicht wieder loslässt, absolut packend erzählt!
(Sylvia Jongebloed)
Roberto Saviano: Meine Liebe stirbt nicht. Carl Hanser Verlag 2026, € 26,00.
Übersetzt von Wolf Heinrich Leube und Anna Leube

