Im letzten Band ihrer Romantrilogie über eine französisch-marokkanische Familie hat die Autorin wie in den beiden Vorgängern Fiktion mit realen Geschehnissen verwoben. Jedes dieser drei Bücher steht für sich und hat jeweils eine Generation im Fokus. Im vorliegenden Band geht es um die Enkelgeneration, vertreten durch die Protagonistin Mia.

Mia Daoud ist zusammen mit ihrer Schwester Ines in wohlhabenden Verhältnissen in Rabat, der Hauptstadt Marokkos, in den 1970er/80er Jahre aufgewachsen. Ihre Eltern, der Vater Bankdirektor und die Mutter Gynäkologin, möchten  ihren beiden Kindern eine Zukunft ihrer Wahl ermöglichen. Das, was sie selbst sich noch hart erarbeiten mussten, steht der nächsten Generation fast offen. Aber nur „fast“, denn Frauen haben es in der marokkanischen Gesellschaft weiterhin schwer, ihre Ziele durchzusetzen..

So träumt Mia davon, Schriftstellerin zu werden. In Rabat sieht sie keine Zukunft für sich und zieht zum Studium nach Paris, in das moderne und aufgeschlossene Europa, so meint sie. Sie wird Schriftstellerin und glaubt sich der Erfüllung ihrer Wünsche näher denn je. Nur warten hier andere Probleme auf sie. Hier ist sie Mia mit marokkanischen Wurzeln, während sie in Rabat Mia mit europäischer Abstammung ist. Eine Wandererin sozusagen zwischen zwei Welten, Orient und Okzident. Dann bringt ausgerechnet eine ernsthafte Erkrankung den Stein ins Rollen, sich diesem Zwiespalt endlich zu stellen.

Nach einer schweren Corona-Infektion leidet sie unter „Brain-Fog“, das bedeutetet u.a. Konzentrationsschwäche, Vergesslichkeit bis zu Erinnerungslücken. Dadurch wird ihre Arbeit massiv beeinträchtigt. Ein Arzt gibt ihr den Rat, ihr Gehirn mit soviel Informationen wie möglich zu füttern. Für sie heißt das, „back to the roots“, auf nach Marokko, um herauszufinden wer sie wirklich ist. Sie reist auf die Zitrusplantage ihrer Großeltern, die Ende der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hier den Grundstein für ihre multikulturelle Familie gegründet haben. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein.

Die Autorin besticht einerseits durch eine unprätentiöse Sprache. Andererseits durch die Erzählweise aus unterschiedlichen Perspektiven sowie aus der Sicht von verschiedenen Generationen, wodurch die Handlung und das Verständnis für die Personen greifbar und fesselnd dargestellt wird. Durch dieses Stilmittel baut sich eine Spannung auf, die zum stetigen Weiterlesen zwingt. Ein kluges, hochemotionales Buch und ein Pageturner auf literarischem Niveau!

(Sylvia Jongebloed)


Leïla Slimani: Trag das Feuer weiter. Luchterhand Literaturverlag 2026, € 25,00.

Übersetzt von Amelie Thoma