Schon in ihren vergangenen, raffinierten Psychothrillern hat die Autorin die Komplexität von Beziehungen innerhalb der Familie bzw. unter Freunden thematisiert. In ihrem aktuellen Roman stellt sie ein schwieriges Mutter-Tochter-Verhältnis dar, das droht durch schockierende Ereignisse eine dramatische Wendung zu nehmen.

Nach einer unglücklichen Kindheit in einem Heim hat Kat eine Überflieger-Karriere als Anwältin hingelegt. Sie ist glücklich verheiratet und führt ein rundum perfektes Leben. Einzig die Beziehung zu ihrer erwachsenen Tochter Cleo ist überschattet von Disharmonie und schwierigem Miteinander. Dabei ist sie das Wichtigste in ihrem Leben und sie möchte, dass sie es später mal einfacher hat.

Dieses Bild gibt Kat, perfekt in Szene gesetzt, zumindest nach außen ab. Die Wahrheit sieht allerdings anders aus: In ihrer Kanzlei ist sie die Frau für alle Fälle und wird mit den schwierigen oder gar aussichtslosen Fällen betraut. Daraus folgt wiederum, dass sie öfter in die Nähe von Kriminalität kommt und mit Menschen zu tun hat, die ihr gefährlich werden könnten. Ihre Ehe ist am Ende. Ihr Mann betrügt sie nicht nur, sondern versucht auch eine größere Summe Geld zu erpressen. Dazu kommen massive Bedrohungen von außen und anonyme Briefe. So ist die aktuelle Situation, als Kat ihre Tochter, die von all dem nichts weiß, zum Abendessen bittet, um eine Aussprache herbeizuführen.

An diesem schicksalhaften Abend bricht das sorgfältig inszenierte Kartenhaus total zusammen. Als Cleo im Haus ihrer Mutter ankommt, findet sie das komplette Chaos vor. Ein blutverschmierter Ballerina, ein kaputtes Glas, Essen auf dem Herd, das schon verkokelt ist, eine restlos verbrannte Mahlzeit im Backofen. Der Rauchmelder schlägt Alarm und von ihrer Mutter fehlt jede Spur.

Mit viel Empathie für ihre Figuren beschreibt die Autorin eine komplexe Mutter-Tochter-Beziehung, die einer Extremsituation ausgesetzt ist und daran langsam wächst. Um die Spannung zu steigern, bedient sich die Autorin eines Tricks. In Rückblenden werden die vergangenen Ereignisse aus Sicht der Mutter erzählt, die Gegenwart wird aus Sicht der Tochter geschildert. So kommen nach und nach immer mehr Puzzlesteine zusammen, die zur Auflösung der Geschichte führen. Ein Psychothriller, der es in sich hat, clever aufgebaut und hochspannend präsentiert.

(Sylvia Jongebloed)


Kimberly McCreight: Tochterliebe. Droemer Verlag 2025, € 18,00.

Übersetzt von Kristina Lake-Zapp.