Eine Tiersegnung im Rahmen eines katholischen Gottesdienstes läuft aus dem Ruder; zwei Alpakas – sonst eher bekannt für sanftes Summen und Entspannung durch Entschleunigung – haben sich nicht so richtig im Griff. Im Drama-Modus mental festgefahren flüchten sie, stoßen unangenehme Angst-Gurgler aus ihren Kehlen und stacheln damit den Fluchtinstinkt aller anwesenden Haustiere bis zur größtmöglichen Beschleunigung an.

Das gibt Simon, Sohn des Tiere segnenden und daraufhin gefeuerten Diakons, seinen neuen Mitschülern als Umzugsgrund an. Seine Mutter ist selbstständige Bestatterin, sie und ihr Gatte arbeiten quasi Hand in Hand, und deshalb findet sie leicht einen neuen Wirkungskreis. Sie übernimmt das alteingesessene Bestattungsinstitut „Gemetzel & Söhne“ in einem Ort namens Augen-zu-und-durch. Man kennt das, wenn in der Provinz seltsame Ortsnamen schon so lange existieren, dass sie allen völlig normal vorkommen. Augen-zu-und-durch, genannt AZUD, ist eine Schutzzone für funktechnische Anlagen, also ein Funkloch von 50 Kilometern Ausmaß irgendwo im Nirgendwo, bewohnt von a) ökologisch wirtschaftenden Farmern und b) Wissenschaftlern, die hier mittels eines enormen Radioteleskops seriös und im Staatsauftrag versuchen, Lebenszeichen aus dem All zu empfangen.

Simon befreundet sich mit dem grünhaarigen Kevin, Sohn der leitenden Wissenschaftlerin vor Ort, mit Agate, Tochter einer Angoraziegenzüchterin und Ausbilderin von Assistenzhunden, und mit Hercules, Hundewelpe in Ausbildung mit großem Interesse an a) Angoraziegenkötteln und b) Simon.

Die Entscheidung, nach AZUD zu ziehen, also in eine Kleinstadt ohne Internetempfang, wurde nicht zufällig getroffen. Simon ist nicht nur wegen des lustigen YouTube Videos seiner spektakulären Flucht vor den Drama-Alpakas in der Kirche berühmt, sondern vor zwei Jahren leider auch Opfer einer schlimmen Geschichte geworden, was ihn durch das nichts vergessende Internet seitdem immer und immer wieder ins grelle Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit bringt und sowohl vor sensationshungrigen Medienschaffenden samt deren Publikum als auch vor mitfühlenden Einzelpersonen und wohlmeinenden pädagogischen Fachkräften auf den Präsentierteller stellt. Letztlich wird so seine ganze Person auf einen einzigen Tag seines Lebens reduziert, und bisher konnte Simon nichts dagegen tun.

Als ihn diese Geschichte zwar mit dankenswerter Verspätung aber dann doch einholt, beschließen Agate und Kevin, dass Simon dringend ein neues Leben braucht. Und was gibt es Besseres, um aus den Schlagzeilen herauszukommen, als eine noch viel größere Sensationsmeldung zu faken?

Die Autorin dieses zu Recht mit dem Newbery Honor Award ausgezeichneten und auf die Longlist zum National Book Award gesetzten Jugendromans ist US-Amerikanerin, studierte Teilchenphysik und arbeitete am CERN in der Schweiz bevor sie sich der Literatur zuwandte. Erin Bow lebt heute mit Mann und zwei Töchtern in Kanada.

„Alpakas, Agate und mein neues Leben“ ist amüsant zu lesen, sehr schön geschrieben mit Tragik und Komik und aktuellem Hintergrund, mit lebendigen und besonderen Figuren, die man ins Herz schließt und derentwegen auch der eigene Umgang mit Sensationsmeldungen automatisch in den Blick gerät.

Unbedingte Leseempfehlung für alle ab 13 Jahren aufwärts.

(Evi Junker)


Erin Bow: Alpakas, Agate und mein neues Leben. dtv 2025, € 16,00.

Übersetzt von Ute Mihr