Wenn Sie den neuen Roman „Air“ von Christian Kracht aufschlagen, tauchen Sie ganz langsam, und ohne es zu merken, in eine Parallelwelt ein. Auf Realität folgen Traumsequenzen, zum Teil alptraumartig.
Stellen Sie sich vor, die einäugige Katze von Edgar Allen Poe sitzt vor Ihrer Haustür und besetzt Ihr Haus. Der Ritter Lancelot reitet aus einem schlecht gemalten Landschaftsgemälde an der Wand hinaus in eine Schattenwelt, seinem Freund Merlin hinterher. Draußen verschwimmen die Polarlichter und verglühen wie eine Kerze. Schneebedeckte Vulkangipfel kommen bedrohlich näher. Der Laptop zeigt zwei neue Mails an. Willkommen, Sie sind mitten im Buch.
Paul ist von der Schweiz auf die Orkney-Inseln gezogen. Dort oben, im äußersten Norden Schottlands gelegen, verspricht er sich Ruhe für seinen äußerst kreativen Job eines Innenarchitekten. Eine der beiden Mails ist von einem Interior-Design-Magazin. Er soll in Norwegen eine große dunkle Halle weiß streichen. Diese entpuppt sich als riesiges Datenzentrum. Unter größten Sicherheitsvorkehrungen darf Paul die Data Base betreten. Hier ist das Gedächtnis der Menschheit gebündelt und abgespeichert. Doch dann gibt es einen Stromausfall und Paul ist auf dem Überwachungsmonitor nicht mehr zu sehen, verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt. Alle Sicherheitskräfte werden mobilisiert, aber kein Lebenszeichen von Paul.
Der zweite Handlungsstrang handelt von dem neunjährigen Mädchen Ildr, das in einer Parallelwelt lebt und auf der Flucht vor einem gewalttätigen Herzog ist. Sie trifft auf einen Fremden, der aus ihrer Sicht ein Magier ist. Es könnte sich aber auch um Paul handeln oder ist Paul eigentlich Merlin? Fragen über Fragen. Die Spannung steigt. Wie geht es weiter mit Ildr und Paul?
Wow, ein Buch der Superlative: literarisch, tiefgründig, trotzdem einfach zum Weglesen, sehr unterhaltsam und spannend, mit Substanz und doppeltem Boden. Außerdem mystisch und surreal, mit Fantasy- und Sagen-Elementen. Diese Vielschichtigkeit ist schwer zu fassen, daher vielleicht der Titel „Air“. Es finden sich viele Anleihen an eventuelle Vorbilder, z.B. George Orwells „1984“ oder Astrid Lindgrens „Die Brüder Löwenherz“ und nicht zuletzt die Artussage. Ein wahnsinnig lesenswerter Roman, aus dem man viel mitnimmt, der zum Nachdenken anregt und definitiv in Erinnerung bleiben wird. Jetzt schon ein Klassiker, der in der modernen Literatur seinesgleichen sucht.
(Sylvia Jongebloed)

