„Kommunikation kann schiefgehen. Nicht-Kommunikation wird schiefgehen.“
Dieses Zitat hat der Philosoph Jürgen Wiebicke seinem Buch als Motto vorangestellt. Es stammt von Frank Richter, einem Dresdner Theologen und DDR-Bürgerrechtler, der als damaliger Leiter der Sächsischen Zentrale für politische Bildung den Dialog mit Pegida suchte.
Dei Demokratie steckt in der Krise und braucht einen Notfallplan. Unsere demokratische Gesellschaft wird herausgefordert und benötigt nicht nur konsensbereite Politiker, die bereit sind zu Verhandlungen, zu Koalitionen, zu Zusammenarbeit. Sondern auch aktive Bürger*innen, die sich der Bedrohung demokratischer Werte entgegenstellen und sich auch außerhalb ihrer eigenen meist „sozial homogenen Bekanntenkreise“ verständigen möchten. Wer die Kommunikation mit Andersdenkenden verweigert, ist auf dem falschen Weg.
Warum hat die AFD so einen Zulauf? Einige, so Wiebicke, „wechseln vom totalen Misstrauen in die Institutionen der Gesellschaft plötzlich in die Leichtgläubigkeit“ und verfallen dem Charme der einfachen, populistischen Lösung. Der Nutzen ist eine lang ersehnte Übersichtlichkeit. Doch AFD-Wähler sind nicht für die Demokratie verloren. Oft unterscheidet sich ihre Lebenswirklichkeit nun einmal massiv von dem Leben der Demokraten, die meist auf der „Sonnenseite des Lebens“ stehen. Daher muss ihnen unbedingt der Weg zurück in die freiheitliche, tolerante und friedliche Gesellschaft offen gelassen werden. Eine Verurteilung und Ablehnung hilft da nicht.
Welche Maßnahmen können wir also ergreifen? Wie kann jeder Einzelne einen Beitrag leisten? In vielen Beispielen wird deutlich, dass wir durch Engagement in unserem kleinsten lokalen Raum vieles für verbesserte Strukturen unseres Zusammenlebens tun können. Wenige Menschen bewirken viel. Ob Ehrenamt, aktive Teilhabe in Vereinen oder neuartige zivilgesellschaftliche Netzwerke – das alles kann große Dinge hervorbringen. Darüberhinaus sorgt man so für Begegnungen, für Dialog und das bereichernde Gefühl, nicht nur für sich selbst etwas zu leisten, sondern auch fürs Gemeinwohl. Das Gegenteil von Zuschauen, Misstrauen, Resignation und Übergang in die politische Unmündigkeit sind Partizipation und Selbstorganisation – die Keimzelle der Demokratie und der beste Ansatzpunkt, Verdruss und Politikverachtung zu überwinden.
Und wie geht man am besten um mit rechtspopulistischen Meinungen? Man sollte sich bewusst machen, sagt Wiebicke, dass eine „falsche Meinung nicht aus dem Nichts entsteht“, sondern „eine Antwort auf existierende Probleme, nur eben die falsche Antwort“ ist. Man solle die eigene Angst vor dieser falschen Antwort verlieren und Vertrauen in seine Argumente haben. Und auch in der Situation des Argumente-Austauschs die andersdenkende Person respektieren.
Besonders beeindruckend ist die Art und Weise, wie Wiebicke politische und soziale Zusammenhänge darstellt. Sein Schreibstil ist erfrischend, immer positiv, voller Verständnis und sehr motivierend, sodass man das Buch kaum aus der Hand legen möchte. Es inspiriert, informiert und ermutigt dazu, aktiv zu werden und Verantwortung zu übernehmen.
(Birgit Lingmann)
Jürgen Wiebicke: Erste Hilfe für Demokratie-Retter. Kiepenheuer und Witsch 2024, € 12,00.

