Wollte man diesen posthum erschienenen Roman in einigen Worten zusammenfassen, so wäre er wohl mit „das Glück des Augenblicks“ am treffendsten beschrieben. Der Autor Raimund Pretzel, alias Sebastian Haffner, schrieb diese fast hellseherische, zum größten Teil autobiographische Geschichte im Alter von erst 25 Jahren bereits 1932 auf. Fast 100 Jahre später ist dieses große Zeitzeugnis nun auch für die Nachwelt veröffentlicht worden.
Paris Anfang der Dreißiger Jahre: Der Student Raimund besucht seine Freundin und Jugendliebe Teddy, die in Paris an der Sorbonne studiert. Bereits seit zwei Wochen ist er hier, genießt das unkonventionelle Leben, lässt sich treiben und versucht seine Freundin zur Rückkehr nach Berlin umzustimmen. Aber Teddy liebt dieses Leben. Zahlreiche junge Männer, vom Kunststudenten bis zum angehenden Professor, umschwirren sie wie Motten das Licht. Die Konkurrenz ist groß und im Grunde seines Herzens weiß er, dass er einen aussichtslosen Kampf führt. Berlin ist spießig und Paris weltoffen sowie umgeben vom Flair der großen weiten Welt. Eine Rückkehr in die deutsche Hauptstadt ist keine Option für Teddy und später zeigt sich, dass sie nie wieder dorthin zurückkehren wird. Ihre Liebe hatte nur so lange Bestand, als sie noch beide in Berlin lebten und studierten.
Ein Hauch von Wehmut und Melancholie weht durch die Zeilen dieses Buches. Nicht nur weil sie das Ende einer ersten großen Liebe einläuten, sondern auch das Ende einer Ära. Einer Zeit zwischen zwei verheerenden Kriegen, in der die Menschen endlich wieder Hoffnung schöpften auf einen dauerhaften Frieden und ein besseres Leben. Die Zeit der Hungersnöte und großen Arbeitslosigkeit war vorbei. Das Ende der Weimarer Republik lag in der Luft. Aber auch etwas anderes schwebte wie ein Damoklesschwert, wie etwas Bedrohliches, über das Land.
Der Autor erzählt von den letzten unbeschwerten Tagen vor der Machtergreifung Hitlers mit großer Sensibilität. Teddy, die eigentlich Gertrude hieß und Jüdin war, hat instinktiv die Situation richtig erfasst und war sozusagen eine der ersten, die emigriert ist und Deutschland den Rücken gekehrt hat, zuerst nach Frankreich, danach nach England. Auch Haffner ist viel später, Ende der Dreißiger Jahre, unabhängig von ihr nach England emigriert und hat dort bis zum Kriegsende für den Observer gearbeitet. Nach dem Krieg kehrte er nach Deutschland zurück. Zahlreiche Veröffentlichungen folgten und gipfelten schließlich in „Die Geschichte eines Deutschen“, wie „Abschied“ ebenfalls posthum erschienen.
Haffner hat im wahrsten Sinne des Wortes ein zauberhaftes Buch hinterlassen, voller Tristesse und Lebensfreude zugleich, von einer Zeit voller Unschuld und Naivität. Aber auch aktueller denn je.
(Sylvia Jongebloed)
Sebastian Haffner: Abschied. Carl Hanser Verlag 2025, € 24,00.

