Gesetzt den Fall, es befindet sich ein riesiger Meteorit auf Kollisionskurs mit unserem Planeten und die Weltbevölkerung wird informiert, dass wir alle nur noch 9 Monate zu leben haben. Kein neuer Plot, aber was die Autorin Nadia Mikail aus dieser Ausgangslage macht, ist wirklich lesenswert.

Sie vermeidet in ihrem Erstlingswerk alle Klischees und schreibt weder eine Dystopie noch eine Versöhnungsfabel oder gar eine kitschige Lovestory am Rande des Abgrunds – und auch keinen Katzenroman. Sie erzählt stattdessen mit großer Wahrhaftigkeit eine kleine malaiische Familiengeschichte, sprachlich anspruchsvoll und mit Sogwirkung.

In Rückblicken wird die Entwicklung der Familie deutlich. Die Mutter durfte eine große Liebe erleben und ist nach Erkrankung und Tod ihres Ehemanns freudlos zurückgeblieben. Sie sorgt für ihre beiden Töchter, so gut sie es vermag. Die ältere Tochter June hält alles zusammen, gibt ihrer Mutter und der kleinen Schwester Aisha Halt, verlässt aber dann aus Selbstschutz ihr Zuhause, sobald die beiden auf einem guten Weg sind.

In der Gegenwart ist Aisha eine junge Frau von 17 Jahren, geht aufs College und hat in ihrem Kommilitonen Walter einen Menschen gefunden, der zu ihr gehört. Sie ist immer wieder überrascht, wie fürsorglich und gleichzeitig loslassend er ihr Freiheit und Sicherheit gibt.

Die bestehende Beziehung dieser beiden wird sehr glaubhaft erzählt, mit all den widersprüchlichen Emotionen, die durch den nahenden Untergang der Welt entstehen und ausgehalten werden müssen, mit der Trauer um das ganze ungelebte Leben, die man verdrängen muss aus Liebe zum Anderen und weil man sich selbst schützen will.

Was hilft in dieser Situation, ist die Schönheit der Welt in der Gegenwart, die Nähe zu Menschen, die man liebt und die Erkenntnis dessen, was wirklich wichtig ist.

Also beginnen Aisha, deren Mutter und Walter – letzterer samt einer zugelaufenen Katze – zusammen mit Walters Eltern einen Roadtrip quer durch Malaysia in einem großen, alten Wohnmobil, um Orte von emotionaler Bedeutung aufzusuchen. Und um June zu finden und die losen Fäden, die es in jedem Leben gibt, zu einem sinnvollen Ganzen zu verknüpfen, bevor es zu spät ist.

Nadia Mikails überzeugendes Romandebüt lässt die Lesenden mit einem guten Gefühl zurück; die handelnden Figuren schaffen es, sich durch die Beziehung zu anderen Menschen im Leben zu verankern und es mit Sinnhaftigkeit zu füllen, zu tun, was in ihrer Macht steht und den Rest vernünftig hinzunehmen, so dass Wut und Ohnmacht von ihnen abfallen und Neugier wieder möglich wird auf das, was vor ihnen liegt.

Genau so eine Geschichte können wir alle momentan sehr gut gebrauchen, und deshalb ist dieser Favorit der englischen Buchhändler*innen super geeignet als Weihnachtsgeschenk für Jugendliche ab 14 Jahren und Erwachsene.

(Evi Junker)


Nadia Mikail: Katzen, die wir auf unserem Weg trafen. dtv 2025, € 16,00.

Illustriert von Nate Ng und kunstvoll übersetzt aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn.