Die Autorin beschreibt in ihrem mitreißenden Debütroman das Schicksal einer Familie, die durch traumatische Ereignisse in der Vergangenheit sowohl eine enge als auch eine sehr distanzierte Beziehung zueinander entwickelt hat. Drei Schwestern und ihre exzentrische Mutter stehen im Mittelpunkt der Geschichte. Das Setting suggeriert eher eine leichte Urlaubslektüre, tatsächlich aber handelt es sich um einen Sommerroman mit Tiefgang.

Margo hat ihre besten Zeiten hinter sich, ebenso wie das alte baufällige Cottage auf der Insel Isle of Wight. Einst waren sie eine glückliche Familie. Die Eltern verband eine leidenschaftliche Liebe. Dann verschwand ihr Ehemann von heute auf morgen und wurde bis dato nicht mehr gesehen. Keiner weiß, warum das passiert ist. Lange Zeit hat sich Margo vollkommen in sich zurückgezogen und die Kinder mehr oder weniger sich selbst überlassen.

Dieser Stachel in ihrem Fleisch hat Margo im Laufe der Jahre zu der Frau gemacht, die sie heute ist: immer noch schillernd und stark, aber auch dominant, verletzlich und dem Alkohol nicht ganz abgeneigt. Sie hat zahllose Affären mit meist jüngeren Männern und liebt es, Partys zu machen. Aber sie weigert sich nach wie vor, das Thema von damals anzusprechen.

Die inzwischen erwachsenen drei Töchter haben ihre schwierige Kindheit unterschiedlich verarbeitet. Die Beziehung zu Rachel, der Ältesten, gestaltet sich am problematischsten. Ihre Erinnerung an den Vater ist noch sehr präsent. Wogegen bei Sasha und Imogen, der Jüngsten, die Erinnerung eher verblasst ist. Aber jede von ihnen hat ihre eigenen Blessuren davongetragen. Rachel hat einen extremen Freiheitsdrang entwickelt und möchte am liebsten ihrer an sich guten Ehe entfliehen. Die lebhafte Sasha fühlt sich durch ihren dominanten und kontrollsüchtigen Ehemann eingeengt. Außerdem umgibt sie ein Geheimnis, das sich auch auf die anderen negativ auswirken könnte. Imogen, das Nesthäkchen, steht kurz vor der Hochzeit mit ihrem Verlobten. Allerdings haben sie starke Zweifel befallen, ob dieser Schritt richtig wäre. Aber wie so oft im Leben bricht sich irgendwann Vergangenes Bahn und drängt ans Licht.

Die Autorin erzählt die Geschichte von Margo und ihren Töchtern sehr warmherzig und mit viel Empathie für ihre Figuren. Auch der männliche Part kommt nicht zu kurz und ebenfalls zu Wort. Dadurch entsteht ein stimmiges Bild von einer Familie, die durchaus die Chance hat, wieder zueinander zu finden und die Verletzungen der Vergangenheit hinter sich zu lassen. So ist ein auf den zweiten Blick sehr positives Buch entstanden, das, obwohl die Hauptfiguren Frauen sind, keinen feministischen Touch hat. Auf jeden Fall entwickelt die Geschichte, trotz oder gerade wegen der ruhigen Erzählweise, einen ungeheuren Sog, der mindestens eine schlaflose Nacht garantiert!

(Sylvia Jongebloed)


Georgina Moore: Die Garnett Girls, Kiepenheuer & Witsch 2025, € 18,00.

Übersetzt von Pauline Kurbasik