Elisa Shua Dusapin: Ein Winter in Sokcho

||Elisa Shua Dusapin: Ein Winter in Sokcho

Elisa Shua Dusapin: Ein Winter in Sokcho

Von | 2018-11-30T17:41:07+00:00 04. Dezember 2018|Tags: , |0 Kommentare

Leicht und zart wie frisch gefallener Schnee kommt dieses Buch daher. Nach den ersten Sätzen tauchen wir ein in die Geschichte und sind gleich mittendrin. Die Ich-Erzählerin, eine junge Studentin, ist nach dem Abschluss ihres Studiums in Seoul in ihren Heimatort Sokcho zurückgekehrt, um sich um ihre Mutter zu kümmern und in einer alten heruntergekommenen Pension etwas Geld zu verdienen. Sokcho ist ein kleiner südkoreanischer Badeort unweit der Grenze zu Nordkorea, der im Sommer von Touristen überlaufen, aber jetzt im eisigen Winter nahezu ausgestorben ist. Hierhin führt es nun einen Comiczeichner aus Frankreich auf der Suche nach Stille und Inspiration für sein neues Buch. Die Erzählerin, die eigentlich der Stille entfliehen will, trifft nun auf diesen Franzosen und tritt schrittweise in eine andere Welt ein. Auf seinen Wunsch hin zeigt sie ihm den Ort und die Umgebung bis zur Grenze. Bei ihren Gesprächen treten ständig vollkommen unterschiedliche Sichtweisen zutage, die nicht überbrückbar scheinen. Aber die Protagonistin fühlt sich wieder lebendiger. Sie schafft es sogar, sich nach und nach von ihrer sehr vereinnahmenden Mutter zu lösen und die Beziehung zu ihrem oberflächlichen Freund infrage zu stellen. Dann muss der Franzose eines Tages wieder abreisen. Wie geht sie damit um, nachdem er ihr Leben ungewollt auf den Kopf gestellt hat?

Meisterhaft versteht es die Autorin, allen Figuren Leben einzuhauchen. Es ist ein zutiefst sinnliches Buch: „Sinnlich“ nicht im Sinne von erotisch, sondern im Sinne einer intensiven Wahrnehmung. Man spürt die innere Zerrissenheit der beiden Hauptfiguren, die sich wie zwei weit entfernte Planeten umkreisen. Die Menschen nehmen Gestalt an, man sieht sie vor sich, man spürt ihre Verzweiflung. Man fühlt auf der eigenen Haut die prickelnde Kälte, die alles umgibt. Man schmeckt und riecht das exotische Essen, dessen Zubereitung oft ziemlich archaisch anmutet. Das Buch lebt förmlich und das trotz seiner Kürze mit nur 144 Seiten. Auch das ist die Kunst der Autorin: Mit knappen Federstrichen wie ein Zeichner entwickelt sie die Figuren, die Geschichte und die karge Landschaft.
„Ein kleines Meisterwerk“, „grandios“ – das waren die Urteile der französischen Kritiker. In der Schweiz erhielt die junge koreanisch-französische Autorin den renommierten Robert-Walser-Preis für den besten Debütroman des Jahres 2016.

Das Buch ist 2018 bei Blumenbar erschienen und kostet € 18,00.