Unsere Rezensionen

Unsere Buchtipps im Oktober

Wir empfehlen: Eine Reise auf dem Rhein, ein aufrüttelnder Lebensbericht aus der Welt ultraorthodoxer New Yorker Juden und ein Jugendroman über die Ausgrabung von Dinosaurierknochen.

Björn Kuhligk / Tom Schulz: Rheinfahrt. Orell Füssli 2017, ¤ 25,00

Mit dem Kreuzfahrtschiff den Rhein entlang: Dieser Reisebericht erzählt von einer Tour zu Mythen und Sehnsuchtsorten, zu Anwohnern und Touristen, zu moderner Realität und Naturdenkmälern. Übrigens: Die Autoren dieses Reiseberichts können Sie am 05.10.2017 um 19.30 Uhr live bei ihrer Lesung in der Buchhandlung Funk erleben.

Was fällt Ihnen ein, wenn Sie an den Rhein denken? Ich denke vor allem an Burgen, Weinberge und hübsche Städtchen wie Bacharach, also hauptsächlich an das Obere Mittelrheintal, das als UNESCO-Weltkulturerbe geehrt wird. Der Fluss hat aber mehr zu bieten, als eine historisch gewachsene Projektionsfläche für Rheinromantik zu sein. Von all diesen Facetten berichtet „Rheinfahrt“.

Los geht die Reise in Köln. Hier legt die „MS Regina“ ab. Vorbei ziehen die Städte am Fluss. Björn Kuhligk und Tom Schulz erzählen von den Sehenswürdigkeiten, von der Geschichte des Rheins, von seiner Bedeutung für Kunst und Kultur. Sie lernen einige Anwohner kennen, die Spannendes zu berichten haben. Abseits jeder Romantik kommen so auch ungeahnte Schattenseiten zum Vorschein. Denn als großer Strom war der Fluss schon immer Lebensader und Siedlungsmagnet, der auch von der Industrie für ihre Zwecke genutzt wird. Unbegreiflich erscheint dennoch, was für ungehemmte Auswüchse diese Nutzung in einigen Regionen angenommen hat. In Rheinland-Pfalz dient eine künstlich angelegte Rheininsel als Sondermülldeponie der BASF. Nicht weit entfernt leitete jahrelang ein Atomkraftwerk verstrahltes Wasser in den Rhein. Doch auch hier lockt gleich nebenan die Idylle, nämlich die Südliche Weinstraße, wo es die zwei Rheinfahrer zu einem ökologisch anbauenden Winzer zieht.

So geht die Reise weiter bis nach Basel. Zahlreiche Begegnungen und ausführliche, detaillierteste Eindrücke beschreiben die beiden Reisenden, und das ist der Grund, weshalb ich das Buch so schön finde. Eine Reise mit dem Schiff entschleunigt offenbar sehr und gibt Gelegenheit, den Fluss, die Landschaft und die Menschen ganz anders und viel intensiver wahrzunehmen, als es bei der üblichen Reisegeschwindigkeit per Zug oder PKW möglich wäre.

In diesem Buch steckt viel Liebe zum Detail. Deutlich spürbar ist der Wunsch, den Zauber dieses Sehnsuchtsortes erlebbar zu machen. Bei aller Verzauberung blicken die beiden Reisenden aber auch hinter die schöne Fassade und bringen Erstaunliches zutage. Entstanden ist so eine kurzweilige und informative Erkundung einer Flusslandschaft, die zu einem berühmten europäischen Natur- und Kulturdenkmal geworden ist.

Birgit Jongebloed


Kenneth Oppel: Vom Suchen und Finden. Dressler 2017, ¤ 18,99.

Wilder Westen. Paläontologie. Abenteuerliche Reisen und eine Romeo-und-Julia-Geschichte. All dies könnte etwas viel für ein einziges Buch sein. Kenneth Oppel aber erzählt in seinem Roman genau davon und von noch viel mehr. „Vom Suchen und Finden“ ist ein packender Abenteuerroman mit einer wirklich schönen Liebesgeschichte.

Im späten 19. Jahrhundert bekommen zwei unerbittlich verfeindete Wissenschaftler gleichzeitig den Hinweis auf einen vielversprechenden Knochenfund. Sie hoffen beide, das größte Skelett auszugraben, das je gefunden wurde: den sagenumwobenen König der Dinosaurier.

Aber nicht nur ihre Methoden sind völlig unterschiedlich, sondern auch ihre finanziellen Mittel. Professor Cartland ist ein angesehener Wissenschaftler, der seine Expedition mit vielen Helfern und einer Eskorte startet. Seine Tochter Rachel begleitet ihn nach einigen Diskussionen, auch sie ist begeistert von der Paläontologie.

Michael Bolt hingegen ist Abenteurer, Entdecker, Geschichtenerzähler ohne gesellschaftliches Renommee. Er braucht diesen Fund sowohl finanziell als auch für seine wissenschaftliche Anerkennung. Zum Glück findet sein Sohn Samuel einen Weg, die Expedition zu finanzieren. So macht sich also auch dieses Team auf die Reise, zu zweit und ohne eine weitere Unterstützung.

Rachel und Samuel begegnen sich zum ersten Mal schon vor Beginn ihrer Expeditionen, und zwar auf einem Vortrag von Samuels Vater. Sie wissen jedoch nicht, mit wem sie es zu tun haben. Rachel ist angetan von dem charmanten und gutaussehenden Jungen, fühlt sich von seiner Aufmerksamkeit aber überfordert. Sie lebt zurückgezogen, allein mit ihrem Vater, und konzentriert sich komplett auf ihr großes Ziel, eine anerkannte Wissenschaftlerin zu werden.

Samuel hingegen ist es gewohnt, Aufmerksamkeit zu bekommen. Sein Vater steht gerne im Rampenlicht und auch er selbst erobert die Menschen in seiner Umgebung leicht. Die Paläontologie und die Zoologie interessieren ihn sehr, er ist allerdings deutlich weniger zielstrebig.

Rachel und Samuel begegnen sich erneut im Zug, der ihre Expeditionsgruppen zum Ausgrabungsziel bringen soll. Sie werden von ihren Vätern beauftragt, mehr über die Pläne des jeweiligen Kontrahenten in Erfahrung zu bringen und verlieben sich, noch bevor das Ende der Zugfahrt sie vorerst trennt…

Kenneth Oppels Roman ist inspiriert von einer wahren Begebenheit, den sogenannten „Bone Wars“ zwischen den Wissenschaftlern Marsh und Cope. Die Fehde dieser beiden Wissenschaftler Ende des 19. Jahrhunderts führte zu der Entdeckung vieler neuer Dinosaurierarten. In Oppels Jugendbuch, das jetzt bei Oetinger erscheinen ist, spielt diese Zeit eine große Rolle. Die angespannte Situation im Indianergebiet und der unterschiedliche Umgang mit der unbekannten Kultur ist ebenso Thema wie die Rolle der Frau. Rachel ist begeistert von der Wissenschaft, ihr Vater aber erwartet von ihr die Erfüllung gesellschaftlicher Verpflichtungen. Sie soll heiraten und nicht studieren.

Die Liebesgeschichte zwischen Rachel und Samuel ist wirklich ungewöhnlich. Die Dialoge sind mitreißend und unterhaltsam, der Wilde Westen und die Suche nach den Dinosaurierknochen ungemein spannend.

Ich kann diesen Roman allen ans Herz legen, die wunderbare Liebesgeschichten mögen und nicht auf Abenteuer und Spannung verzichten wollen.

Für begeisterte Leser ab 12 Jahren.

Pia Patt

 

Deborah Feldman: Unorthodox. btb Verlag 2017, ¤ 10,00 / Secession Verlag 2016, ¤ 22,00.

„Ganz gewiss möchte ich nicht um Gnade bitten.“

„Unorthodox“ und „Überbitten“, beides autobiographische Erzählungen von Deborah Feldman, waren schon einige Male über unsere Kassentheke gewandert, bis ich darauf aufmerksam wurde. Viele begeisterte Leserinnen und Leser ihrer Bücher können nicht irren, dachte ich, also griff ich eines Tages endlich zu und konnte „Unorthodox“ nicht mehr aus der Hand legen.

Die Satmarer Chassidim sind eine ultraorthodoxe jüdische Gemeinschaft in Williamsburg (Brooklyn). Ihr Name stammt von der rumänischen Stadt Satu Mare. Im Holocaust war die jüdische Bevölkerung dieser Stadt fast vollständig vernichtet worden. Die Sekte wurde in New York durch ihren überlebenden Rabbiner neu gegründet. Ihre Mitglieder sind der Meinung, dass der Holocaust diejenigen getötet hatte, die assimiliert waren und nicht fromm genug gelebt hatten. Diesem Schicksal wollen sie nun mit extrem religiöser Lebensweise entgehen. Für jede Kleinigkeit im Alltag scheint es eine Regel oder ein Verbot zu geben. Von überall droht Sünde und Unreinheit, und die Gemeinschaft wacht mit Argusaugen, dass niemand die umfangreichen Gesetze verletzt. Entrechtet ist jeder Einzelne, aber besonders hart trifft es Kinder und Frauen. Letztere sind von Verboten und strukturellen Schuldzuweisungen extrem betroffen. Vor allem den Älteren unter ihnen ist klar, dass ihre stark reglementierte Lebensweise nicht mehr viel mit dem wesentlich freieren Leben der osteuropäischen Vorfahren zu tun hat. Aber wenn etwa der Rabbi beschließt, dass Frauen nicht nur eine Perücke tragen müssen, sondern sich von einem Tag auf den anderen auch die Haare abrasieren sollen, dann stellt das keiner infrage.

Hier wächst Deborah Feldman auf. Sie kommt mit diesem eingeengten Leben nicht zurecht und verliert schon früh ihren Autoritätsglauben. Von der Wahrheit ferngehalten und ebenso von der Möglichkeit, mit „offenen Augen auf die Welt“ zu blicken, sucht sie bereits als Kind Geborgenheit in Büchern. Das geschieht heimlich und ist nur unter großen Anstrengungen möglich, denn die Bücher, die sie wählt – vor allem die in englischer Sprache – sind ihr verboten.

„Es könnte alles andere in meinem Leben erträglich machen, dürfte ich nur immer Bücher bei mir haben.“

Freier Zugang zu Bildung, die Freiheit, zu entscheiden, wen man heiratet, die Freiheit, selbst zu bestimmen, wie man leben und denken möchte – keine Selbstverständlichkeit. Gerade mal siebzehn Jahre alt, wird Deborah Feldman zwangsverheiratet und erkrankt. Verurteilt zum passiven Erdulden, zur Reduktion auf eine Entrechtete, bekommt sie Panikattacken und entfernt sich innerlich immer mehr von den Satmarer Werten, die in ihr Hunger und Mangel erzeugen. Sie erkennt mehr und mehr, dass ihr Platz nicht in dieser repressiven Gemeinschaft zu finden ist. Es passieren einige schlimme Dinge, die die Unvereinbarkeit von irdischer Gerechtigkeit und chassidischer Gottesfürchtigkeit krass verdeutlichen. Nach außen funktioniert sie und bleibt unauffällig, doch in Wirklichkeit rebelliert sie und bereitet zielstrebig ihren Ausstieg vor.

Geschrieben wie eine Mischung aus Roman und Autobiographie, ist der Tonfall in weiten Strecken nüchtern und sachlich. Er ist hart, wo er Hartes beschreibt, und emotional, wo die Autorin vom Schmerz schreibt, anders zu sein, nicht dazuzugehören, sich einsam, ausgehöhlt und ungeliebt zu fühlen.

Dieses Buch hat mich umgehauen. Ich wusste nichts von dieser chassidischen Welt und hatte keine Ahnung, dass so etwas heutzutage in einer Stadt wie New York existiert. Was Deborah Feldman über das Leben in einer frauenverachtenden, abgeschotteten Gegen-Gesellschaft schreibt, hat mich richtig mitgenommen. Einige Passagen machen mich wütend und traurig. Vor allem aber hat mir dieser Text einen Riesenrespekt eingeflößt vor dieser mutigen, intelligenten, besonderen Frau, die ihren Weg geht, obwohl sich ihr wirklich sämtliche Hindernisse in den Weg stellen, die einem schlecht gelaunten Schicksal (oder Gott?) einfallen können. Deshalb ist das Buch mehr als „nur“ eine Autobiographie. Es ist aufrüttelnd und ermutigend. Es kann ein Leitbild sein.

„Wenn irgendwer jemals versuchen sollte, Dir vorzuschreiben, etwas zu sein, was Du nicht bist, dann hoffe ich, dass auch Du den Mut findest, lautstark dagegen anzugehen.“

In der Fortsetzung „Überbitten“ erzählt sie, was ihr nach dem Ausstieg aus der Gemeinschaft der Satmarer widerfuhr. Auch dieses Buch ist absolut empfehlenswert.

Birgit Jongebloed

 

Es wird wieder früher dunkler. Perfekt, um sich mit unseren Buchtipps zurückzuziehen!

Wir haben für Sie einen feinen Roman über eine siebenbürgische Familie, einen coolen Schwedenkrimi und für Jugendliche einen magischen Roman über einen überforderten Auserwählten.

Iris Wolff: So tun, als ob es regnet. Otto Müller Verlag 2017, ¤ 18,00.

 „Sie hatte den Eindruck, dass der Frau ihre Angewohnheit nicht fremd war, sich aus dem Augenblick davonzustehlen. Dass sie genau wusste, dass Henriette gerade nur körperlich anwesend war, sich ihren Gedanken hingab, ganz aus der Zeit und diesem Raum stahl. Dass sie das gern und oft tat – nicht, weil eine Notwendigkeit dafür bestand, sondern einfach, weil es möglich war.“

Dieses schöne Buch aus einem kleinen Salzburger Verlag erzählt einen Roman in vier Geschichten. Mit wechselnden Hauptfiguren wird eine Familie in Siebenbürgen portraitiert. Das Buch springt von Generation zu Generation. Knapp hundert Jahre umfassen die Episoden, die eng miteinander verwoben sind, sich immer wieder aufeinander beziehen und so einen runden Eindruck hinterlassen.

„Gestern waren Menschen auf dem Mond gelandet, und eines Tages würde das womöglich keine Sensation mehr sein. Die Grenze dessen, was bekannt war, würde sich weiter ausdehnen, doch nie würde davon mehr vorhersagbar sein, als die Lichtkegel seines Wagens in diesem Moment von der Straße erfassten. Die Dunkelheit dahinter blieb immer gleich tief.“

Der Roman setzt ein im Ersten Weltkrieg, als der junge Jacob, ein empfindsamer österreichischer Soldat, mit seiner Truppe nach Siebenbürgen kommt. Hier soll er gegen rumänische Verbände kämpfen. Er ist ein genauer Beobachter. Die unwirtlichen Wälder, die rauen Karpaten und den feindlichen Winter erlebt er intensiv in all ihren Facetten. Der Krieg fordert seine Opfer. Jacob erlebt eine kurze Pause von den Gräueln der Schlachten, als er in ein Dorf abseits der Berge geschickt wird. Hier soll er Schreibarbeiten für einen Leutnant erledigen. Seine Unterkunft findet er bei einer Bauernfamilie, wo er endlich menschliche Nähe erfährt – und die dann den Mittelpunkt der folgenden Erzählungen bildet.

Diese erste Geschichte besticht wie die folgenden Teile des Romans durch ihre nahezu märchenhafte Sprache. In meinem Kopf entstanden ganz hinreißende Bilder. Jacob, Henriette, Vicco und Hedda zogen mich schnell in ihren Bann und waren mir sehr vertraut. Doch wer hier eine heile Welt vermutet, liegt falsch. Mit Leid kennen sich Jacob und die nachfolgenden Protagonisten gut aus. Alle Erzählungen sind stark in der jeweiligen Zeit, zu der sie spielen, verankert. Und Siebenbürgen hat eine durchwachsene Geschichte hinter sich. Viele Nationen haben sich hier ausgetobt und dem Landstrich und seinen Bewohnern ihren gewaltsamen Stempel aufgedrückt.

„’Es sind nicht unbedingt die Hauptfiguren, die wichtig sind’, sagte sie. ‚All jene, die Kurz, manchmal nur am Rande erwähnt werden, sie wollen wir nicht vergessen.’“

Mitteleuropas wechselvolle Geschichte lässt sich in diesem zarten Buch authentisch nachfühlen. Hier greift die Chronik des 20. Jahrhunderts massiv und doch ganz leise, ganz nebenbei in das Schicksal einer Familie. Einerseits ist die Handlung recht unspektakulär, andererseits zielt das Buch mitten ins Herz. Iris Wolff beherrscht die Kunst, mit knapper Sprache Poesie zu schaffen. Es gibt keinen Satz zuviel, jedes Wort sitzt. Die Autorin schaut mitten in den Kern der Dinge und der Menschen. Stil- und formulierungssicher beschreibt sie, worum es geht im Leben.

Ich bin froh, diesen Roman entdeckt zu haben. Und für alle Liebhaber schöner Bücher unter Ihnen: Es ist ausgesprochen hübsch hergestellt, fasst sich toll an und hat einen außerordentlich ästhetischen Einband.

Birgit Jongebloed

 

Rainbow Rowell: Aufstieg und Fall des außerordentlichen Simon Snow. dtv 2017, ¤ 19,95.

Dies ist die Geschichte eines ganz ungewöhnlichen jungen Zauberers. Er stammt aus der Welt der normalen Menschen. Doch Simon Snow ist der Auserwählte, der die Welt der Magier vor dem „Schatten“ bewahren soll. Da trifft es sich gut, dass er (ohne zu wissen, was in ihm steckt) in ein Internat geholt wurde, das von einem großer Magier geleitet wird. Ein auserwählter Magier muss schließlich lernen, seine ungewöhnlich starken Fähigkeiten zu kontrollieren. Bedauerlicherweise kann er nämlich zwar keinen einzigen Zauber ordnungsgemäß ausführen, aber mit genug Wut oder Sorge im Bauch seine gesamte Umgebung zerstören. Ungünstig!

„Simon Snow ist der schlimmste Auserwählte, der jemals auserwählt wurde.“

Die Helden dieser Geschichte sind ungewöhnlich, sympathisch, lustig oder düster und haben mich schnell sehr neugierig auf sie gemacht. Es fiel mir leicht, in die Welt der Magie einzutauchen. Ab und zu kam sie mir ziemlich bekannt vor, aber dann hat sie doch ihren ganz eigenen Ton und überrascht mit vielen unerwarteten Wendungen.

Spannend und wirklich mitreißend. Für alle Jugendlichen ab 12 Jahren.

Pia Patt


Kristina Ohlsson: Schwesterherz. Limes Verlag 2017, ¤ 14,99.

Für alle, die schon immer ahnten, dass Schwedens Krimiszene mehr zu bieten hat als depressive Kommissare:

Kristina Ohlsson schreibt viel cooler als ihre männlichen Kollegen. Ihr Protagonist ist ein lässiger junger Anwalt mit teilweise fast schnodderiger Ausdrucksweise, die Handlung ist flott, die Story spannend.

Martin Benner soll die Unschuld der geständigen Mörderin Sara Tell beweisen. Ihr Bruder ist es, der diesen Auftrag erteilt. Die Mörderin hat sich allerdings schon vor Monaten umgebracht. So irritierend Martin Benner das auch findet, er lässt sich trotzdem auf diesen Fall ein. Schnell entdeckt er Ungereimtheiten in den alten Unterlagen des Ex-Anwalts und gräbt tiefer. Eine schmutzige Angelegenheit kommt zum Vorschein. Bald gibt es die ersten Todesopfer in Stockholm, und die Polizei hat einen Mordverdächtigen im Visier: Martin Benner.

Ein spannender Thriller. Ohne fiese Brutalitäten, ohne Voyeurismus, dafür mit Suchtgefahr. Bonus: Mit „Bruderlüge“ ist bereits der zweite Teil erschienen, man kann also direkt weiterlesen. Und das werden Sie wollen, versprochen!

Birgit Jongebloed

 

Lesetipps für jede Lebenslage

Unsere Buchtipps stellen Ihnen diesmal für fast jede Lebenslage das richtige Buch vor!

Für alle, die sich fragen, ob sie eigentlich mit dem, was ihr Leben hätte sein können, jemals in Kontakt geraten sind:

Simon Strauß: Sieben Nächte. Blumenbar Verlag, ¤ 16,00.

„In einem waren wir uns immer einig: Dass die Welt, so wie sie war, mehr Zauber gebrauchen könnte.“

Ein junger Mann erzählt von seiner Sorge, plötzlich endgültig erwachsen und im Alltag gefangen zu sein. Er fürchtet sich, nie das „echte“ Leben gespürt zu haben. Seine Jugend hat er in einer „Wohlfühlblase“ verbracht und nie Gefahr kennengelernt. Irgendetwas fehlt ihm. Deshalb wird er sieben Nächte lang die sieben Todsünden begehen und das Erlebte schriftlich festhalten,

„… um nach dem Sturm zu suchen, ihn selbst zu entfachen.“

Die sieben Nächte sind mal ereignisreich, mal bestehen sie fast ausschließlich aus innerem Erleben. Das Besondere an diesem Buch ist die Sprache: Sie ist streckenweise ein wenig altertümlich, anklagend, dann wieder eher karg, trotzdem wuchtig. Der Tonfall ist immer ausdrucksstark, intensiv und voller Glut.

Ist die Leere, die der Ich-Erzähler empfindet, ein allgemein anzutreffendes Lebensgefühl der Millennials, die nach dem Kalten Krieg aufgewachsen sind? Empfindet so die Generation, die große gesellschaftspolitische Auseinandersetzungen nicht erlebt hat? Man könnte dem Roman vorwerfen, dass der hier beklagte Wohlstand nicht der Lebenssituation der Allgemeinheit entspricht, dass Wohlstand und Sorgenlosigkeit eher nicht das primäre Durchschnittsproblem von Heranwachsenden in Deutschland ist. Da der Roman aber wie ein innerer Monolog auf der Suche nach Bedeutung wirkt, kann man ihn gut als Kunstprodukt lesen und genießen.

Dieser ungewöhnliche Debütroman stammt von einem Theaterredakteur der FAZ, der ein großes poetisches Talent und umfangreiche Kenntnis des Literaturkanons aufweisen kann (– außerdem ist er auch noch Sohn von Botho Strauß, aber das nur der Vollständigkeit halber). Die Geschichte ist eine gelungene künstlerische Verarbeitung des Kampfes gegen ein ausgehöhltes Leben. Ein Roman des Aufbruchs, der Suche nach Einsichten und Wahrheiten. Ich habe beim Lesen ständig das Gefühl gehabt, ich würde einen Text aus einer lange vergangenen literarischen Epoche lesen. Bewundernswert, dass jemand so schreiben kann.

 

Für alle, die mit simpel gestrickten Erklärungsversuchen nichts anfangen können und sich gern in komplexen Gedankengängen aufhalten:

Yuval Noah Harari: Homo Deus. C.H. Beck Verlag 2017, ¤ 24,95.

„Es liegt in unserer Macht, die Dinge zum Besseren zu wenden und Leid noch weiter zu verringern.“

Nicht mehr ganz brandneu ist dieses visionäre Sachbuch. Es ist bereits im Frühjahr 2017 erschienen, aber bisher habe ich versäumt, es Ihnen ausführlich vorzustellen. Das sei hiermit nachgeholt. Denn es ist ein ungewöhnliches, lesenswertes Buch, das sich nicht in die üblichen thematischen Kategorien einteilen lässt. Es ist kein Geschichtsbuch, es ist kein Buch, das sich mit Zukunftstechnologie befasst, es ist kein soziologisches oder philosophisches Buch. Es ist etwas von allem. Es bietet unter intensiver Betrachtung von historischen Entwicklungslinien einen Ausblick darauf, wie die Welt morgen sein könnte.

Bei der Entwicklung einer Vorstellung von der zukünftigen Cyberwelt spielen Elemente, die zunächst dystopisch anmuten, eine große Rolle. Es ist verstörend, sich den Einfluss künstlicher Intelligenz auf unser alltägliches, uns gar nicht bewusstes Empfinden und Verhalten vorzustellen – aber erleben wir das nicht schon heute, wenn Algorithmen unser Einkaufsverhalten bestimmen und für uns auswählen, welche Suchergebnisse uns bei einer vermeintlich neutralen Internetrecherche serviert werden? Das macht das etwas Unheimliche an diesem Buch aus. Viele Rezensenten empfinden diese Zukunftsvision als einen zwar düsteren, aber leider wohl auch realistischen Entwurf. Ich meine allerdings nicht, dass dieses trübe Zukunft zwangsläufig eintreten wird. Denn Harari betont, dass er seine Prophezeiungen zwar für wahrscheinlich hält, aber uns dadurch, dass er sie ausspricht, auch die Möglichkeit gibt, über Alternativen nachzudenken und die Zukunft zu verändern. Ausgeliefert ist man der Zukunft nicht, im Gegenteil. Man kann sie beeinflussen – wenn man weiß, mit welchen Herausforderungen man es zu tun hat.

Dennoch wird das immer schwerer in einer immer unüberschaubareren Welt: Denn historisches Wissen kann zwar das Verhalten verändern. Dieses Wissen verliert aber paradoxerweise rasch seine Relevanz, schreibt Harari in einer der beeindruckendsten Passage des Homo Deus. Wie das? Gerade durch die hohe Geschwindigkeit, mit der heute unser Wissen wächst, ergeben sich immer schnellere Veränderungen in wirtschaftlicher, politischer und sozialer Hinsicht. Wenn wir diese Veränderungen verstehen wollen, führt dieser Verstehensprozess zu weiterer Anhäufung von Wissen, was wiederum zu weiteren, noch schnelleren Veränderungen führt:

„Folglich sind wir immer weniger in der Lage, die Gegenwart sinnvoll zu deuten oder die Zukunft vorherzusagen.“

Sie sollten dieses Buch lesen. Es wird Ihnen ganz neue Welten eröffnen.

 

Und nun ein Buch für alle, die ein paar Tage abtauchen und sich wohlfühlen möchten:

Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann. DuMont Buchverlag 2017, ¤ 20,00.

„Elsbeth deutete auf das Efeu. ‚Ich will das Zeug eigentlich abschneiden, aber eigentlich auch nicht’, murmelte sie. Die Gartenschere lehnte am Stamm des Apfelbaums. ‚Und was spricht dagegen?’, fragte ich. ‚Efeu ist manchmal ein verzauberter Mensch’, erklärte Elsbeth, ‚und wenn er als Efeu die Baumkrone erreicht hat, ist er erlöst.’ ‚Apropos Aberglauben’, begann ich. ‚Die Frage ist jetzt’, sagte Elsbeth, ‚erlöse ich den Menschen oder den Baum?’ Das Efeu umrankte bereits den oberen Teil des Stammes. ‚Ich würde mich für den Baum entscheiden’, sagte ich. ‚Wenn es ein Mensch ist, ist er ja schon über die Hälfte erlöst. Das ist mehr, als man von uns allen sagen kann.’

Selma, eine ältere Dame aus einem Dorf im Westerwald, träumt manchmal von einem Okapi. Ein Okapi ist ein abwegiges Tier. Eine wilde Mischung aus Zebra, Giraffe, Reh und Maus, das ist ebenso unwahrscheinlich wie die Tatsache, dass immer ein Mensch aus dem Dorf stirbt, wenn Selma im Traum ein Okapi getroffen hat. Aber Unwahrscheinlichkeiten können wahr werden, denn so ist das Leben nun einmal. Davon und von Liebe in all ihren Facetten handelt dieser wunderbare Roman, der sehr viele Leser finden wird und all diese glücklichen Menschen, die ihre (erste) Lektüre noch vor sich haben, sehr sehr froh machen wird.

„Wenn ich unten bei Selma schlief, erzählte sie mir am Bettrand Geschichten mit guten Enden. Als ich kleiner war, hatte ich nach den Geschichten immer ihr Handgelenk umfasst, meinen Daumen  auf ihren Puls gelegt und mir vorgestellt, dass die ganze Welt alles im Rhythmus von Selmas Herzschlag tat.“

Es gibt viel zu entdecken in diesem wunderbaren Roman. Jeder Dorfbewohner hat seine ganz besondere Schrulligkeit. Der Optiker, der einer geheimen, allseits bekannten Leidenschaft frönt. Selma, die ein Faible für Mon Cheri hat und Rudi Carrell ähnelt. Die ewig schlecht gelaunte Marlies, die eine ganz außergewöhnliche Alltagskleidung trägt. Die abergläubische Elsbeth, die gegen alle möglichen Schicksalsschläge ein Mittelchen kennt, aber nicht an die Wirkungskraft von Sternschnuppen glaubt. Der Vater, der gern außergewöhnliche Geschenke macht, etwa einen Irischen Wolfshund in Standardpudelgröße. Und schließlich Luise, aus deren Perspektive hauptsächlich erzählt wird, die ich nach der Lektüre dieses Buches nun so gut kenne, als hätte sie nicht ins ferne Japan 700 Briefe geschrieben, sondern mir.

Die Sprache passt zu den skurrilen Personen, warum, kann ich gar nicht so ganz genau sagen. Es gibt viele Ausdrücke, Beschreibungen und Motive, die sich oft wiederholen und dadurch eine tiefere Bedeutung schaffen, eine Dichte herstellen, eine ganze Welt kreieren. Wahrscheinlich kann man deshalb so gut in dieser Geschichte versinken. Andererseits lassen diese Wiederholungen auch sehr komische, schräge Situationen entstehen. Normalerweise bin ich eher eine „kühle“ Leserin und schätze es gar nicht, wenn mich Bücher zum Weinen bringen, aber tatsächlich sind mir zeitweise in diesem Westerwald ganze Tränenbäche übers Gesicht geflossen, unterbrochen von heftigen Kicherattacken, und das hat mir sehr gut gefallen. Idealerweise liest man das Buch also ohne Gesellschaft. Mein absolutes Lieblingsbuch 2017!

Birgit Jongebloed

 

Lesetipps für den Juli

Olivier Bourdeaut: Warten auf Bojangles. Piper Verlag 2017, ¤ 18,00.

Dieser Roman erzählt die Geschichte einer außergewöhnlichen Familie. Georges und seine Frau gestalten ihre temporeiche Ehe voller Phantasie. Jeder Tag ist anders, unvorhersehbar und aufregend. Der kleine Sohn genießt eine liebevolle Erziehung ohne Grenzen und Regeln. Voller Bewunderung beobachtet er seine Eltern, die bei jeder Gelegenheit zu ihrem Lieblingslied tanzen, rauschende Partys feiern und nach ihren eigenen Vorstellungen leben. Welche Mutter ändert schon jeden Tag ihren Namen und siezt jeden, selbst ihren Mann? Erzählt wird aus der Sicht des Sohnes und manchmal auch aus der Perspektive des Vaters.

Ab der Mitte des Buches beschleicht den Leser das Gefühl, dass etwas in dieser Familie nicht stimmen kann. Mit jeder weiteren gelesenen Seite weicht die Leichtigkeit. Immer stärker zeigt sich Verzweiflung, immer spürbarer werden depressive Phasen der Mutter, immer klarer wird eine bedrohliche Ausweglosigkeit. Trotz ihrer tiefen Liebe und ihres starken Zusammenhalts scheint eine Katastrophe für die Drei unausweichlich zu sein.

Der Sohn beschreibt die Krankheitsphasen der Mutter etwas naiv und ohne spürbare Furcht, weil sie für ihn nicht "krank" ist. Dadurch deprimiert die Geschichte den Leser nicht, obwohl sie sehr traurig ist. In Frankreich ein Überraschungserfolg, der mit einigen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Ein schönes Buch mit einer schönen Sprache.

Viviana Domokos

 

Die große Regression. Suhrkamp Verlag 2017, ¤ 18,00.

Was ist eigentlich los mit uns, mit unserer Zeit, mit unserem Land, mit Europa, mit der Welt? Fast täglich erreichen uns erschütternde Nachrichten über politische Phänomene, die wir noch vor wenigen Jahren für undenkbar hielten. Nationalistische, antidemokratische Parteien und Politiker auf dem Vormarsch, Demagogen auf Führungspostionen in den USA, Fremdenfeindlichkeit als anerkannte und erfolgversprechende politische Strategie, Verlust der Glaubwürdigkeit von Journalisten. Das alles lässt sich unter der Überschrift „Die große Regression“ zusammenfassen. Es findet eine Rückwärtsbewegung statt, dicht und weltumfassend, wie es wohl niemand erwartet hätte.

Jetzt kommt die gute Nachricht: Es gibt namhafte, kluge, internationale Experten, allesamt Koryphäen auf ihren Gebieten, die sich mit der Regression befassen. Sie sind versammelt in diesem großartigen Buch. Das Autorenregister liest sich wie ein Who is Who der zeitgenössischen Intellektuellen: Da ist zum Beispiel Pankaj Mishra, der es wie kein anderer versteht, uns Europäern vorzuführen, wie unglaublich fruchtbar und effektiv ein Perspektivwechsel sein kann. Seine vor Klugheit strotzende Interpretation der Moderne, seine Benennung von dunklen Traditionen der Aufklärung – allein dieser Text würde schon den Kauf des Buches lohnenswert machen.

Doch dann sind da noch weitere, nicht minder herausragende Beiträge von Zygmunt Bauman, Paul Mason, Oliver Nachtwey, David Van Reybrouck, Slavoj Zizek und und und.

Dies ist eines der wichtigsten politischen Bücher aus diesem Jahr. Es wird bestimmt einmal zur Standardlektüre von Politikern, Journalisten und allen denjenigen gehören, die sich abseits der Tageszeitung für politische und gesellschaftliche Entwicklungslinien interessieren. Sie merken schon, ich bin absolut begeistert von diesem bemerkenswerten Buch. Das Tagesgeschehen lässt sich durch diesen Sammelband gut in größere Zusammenhänge einordnen. Es ist ein anspruchsvolles Buch und die Lektüre wird ein wenig Arbeit machen, aber Sie werden es nicht bereuen.

Birgit Jongebloed

 

Rachel Cusk: Transit. Suhrkamp 2017, ¤ 20,00.

Faye, Schriftstellerin, frisch geschieden, kehrt mit ihren Söhnen nach London zurück. Über ihr Leben erfahren wir nicht viel, ihre Person bleibt merkwürdig undeutlich. Eine Romanhandlung könnte ich ebenfalls nur sehr vage wiedergeben, und das liegt am ungewöhnlichen Erzählstil.

Zwar wird die Geschichte in der Ich-Form aus Fayes Perspektive erzählt, aber sie hält sich mit Wertungen und mit Beschreibungen ihrer eigenen Gefühls- und Gedankenwelt extrem zurück. Stattdessen gibt Faye eigentlich nur ihre intensiven Unterhaltungen mit Bekannten und Fremden wieder, die sie zufällig trifft. Dabei treten die Persönlichkeiten der Gesprächspartner scharf hervor. Sie öffnen sich in einer teilweise fast unheimlichen Weise, denn Faye scheint eine ausgesprochen gute Zuhörerin zu sein. Sie fällt anderen nicht ins Wort, ermutigt sie, sich zu öffnen, hat darüber hinaus eine scharfe Beobachtungsgabe.

Schnell gewöhnt sich der Leser an diese andersartige, merkwürdige Erzählweise und beginnt, in diesen Gesprächen indirekt auch Faye selbst entdecken zu wollen. Das ist schon sehr besonders: Die Person, deren Perspektive wir teilen, bleibt auffällig unscharf und tritt vollkommen in den Hintergrund, wohingegen alle anderen, unbedeutenden Personen quasi auf uns einstürmen und sowohl Faye als auch uns fast ein wenig überfordern in ihrem Streben, uns noch ihre kleinste Befindlichkeit aufzuzeigen. Der Verlag nennt das eine „weibliche Odyssee im 21. Jahrhundert“. Darunter konnte ich mir anfangs nicht viel vorstellen, aber nun finde ich, das ist eine perfekte Beschreibung für einen perfekten, literarischen, gut lesbaren Roman von einer spannenden Autorin, von der ich noch mehr lesen möchte.

Birgit Jongebloed

 

Lesetipp: Literatur made in Bergisch Gladbach

Mea Kalcher: sechsuhrsieben. Scylla Verlag 2016, ¤ 12,99.

Die Balletttänzerin Ava verliebt sich in den Schauspieler Matt. Matt verliebt sich in Ava. Idylle und Ende der Geschichte? Oh nein, denn die junge Liebe wird durch ein früheres, schreckliches Ereignis in Avas Leben verdüstert. Sie trauert um ihre Tochter. Halt findet sie bei ihren wunderbaren Freunden und in einem genauestens durchgetakteten Tagesablauf. Kann Matt mit der Herausforderung umgehen, seine traumatisierte neue Liebe in der Verarbeitung von Schmerz und Verlust zu unterstützen?

Dieser Roman hat alles, was Sie für einen verschmökerten Urlaub brauchen. Stilistisch überzeugend, dichte Beschreibungen, lebendige Figuren, treffsichere Dialoge, eine sich nie in losen Handlungsfäden verlierende Erzählung und ein unerwartetes Finale – dies ist mehr als ein reiner Liebesroman. Wir sind begeistert von diesem Sommerschmöker und wünschen ihm viele Leserinnen. Umso mehr, weil dies „Literatur made in Bergisch Gladbach“ ist. Der ortsansässige Scylla Verlag hat ihn publiziert und tourt zur Zeit mit vielen Lesungen durchs Stadtgebiet. Wir haben die Chance genutzt, eine Autorin mit unseren Fragen zu löchern und Mea Kalcher getroffen.

Birgit Jongebloed: Ich habe gerade „sechsuhrsieben“ durchgelesen und bin restlos begeistert. So einen prima Schmöker mit Suchtgefahr habe ich schon lange nicht mehr in der Hand gehabt. Die letzten 40 Seiten habe ich mir zwei Tage aufgespart, damit ich noch länger was davon habe.

Wie war das, den Roman zu schreiben? Hast Du lange gebraucht oder war er ruckzuck fertig? Hattest Du die Geschichte direkt im Kopf und musstest Du Dich beeilen, bevor Du sie verlierst oder hat sie sich während des Schreibens entwickelt?

Mea Kalcher: Die Geschichte hat sich in meinem Kopf langsam über mehrere Jahre entwickelt. Ich habe Musik gehört und dabei an einzelne Momente und Szenen der Geschichte gedacht. Immer wieder geändert, neu gedacht, weiter gedacht. Neues Lied, neue Szene. Irgendwann hatte ich eine richtige Playlist zusammen, aber noch keinen Satz geschrieben. Klar war mir von Anfang an, dass ich über eine Tänzerin schreiben wollte und sie sollte Ava heißen. Wenn ich an Ava gedacht habe, hörte ich oft von Martin Villiger, einem Schweizer Filmmusikkomponisten, das Lied „Santa Cerife“. So als Beispiel. Irgendwie hat dieses Lied etwas Trauriges und gleichzeitig Wunderschönes. Auf meiner Playlist ist aber auch viel Rockiges und ein bisschen Punk. Eine wilde Mischung eben. In meinem Sommerurlaub in 2014 habe ich mich gleich am ersten Urlaubstag morgens hingesetzt und habe angefangen zu schreiben. 18 Tage und oft auch in den Nächten. Dann war die erste Version der Geschichte fertig. Ich war danach total erledigt, absolut erschöpft. Es war einer der besten Momente meines Lebens.

BJ: Hast Du eine Lieblingsfigur? Spukt Dir jemand aus Deinem Roman noch oft durch den Kopf und fühlt sich real an? Fühlst Du Dich jemandem besonders nah?

MK: Alle! Jede Figur ist mir sehr, sehr ans Herz gewachsen. Als das Buch fertig geschrieben war, war ich ehrlich traurig, dass ich sie verlassen musste. Ich vermisse Johann und seine Bar und denke sogar oft an Leo, den Taxifahrer. Alle sind ein Teil von mir, selbst der Bösewicht. Und jeder Rolle habe ich etwas von mir oder von meinen liebsten Menschen mitgegeben.

BJ: Hast Du einen besonderen Ort, an dem Du schreibst?

MK: Das Buch habe ich damals noch in Hamburg an meinem Esstisch mit Blick auf den Blankeneser Marktplatz geschrieben. Dort steht übrigens der ganz echte Pommes-Jan, den gibt es nicht nur in meinem Buch. Er macht die beste Currywurst der Welt. Von ihm habe ich auch den ersten Lohn für meine Geschichte bekommen: Einmal Pommes und Currywurst. Es war ungefähr so: „Moin Mea, wo warst du so lange?“ „Moin Jan, hab’ ein Buch geschrieben!“ „Komm ich drin vor?“ „Natürlich!“ „Das will ich auch meinen.“ Und Zack... Fritten aufs Haus.

BJ: Du liest doch sicher selbst genauso gern wie ich. Wir beide sind ja quasi Leute, die ihre Sucht zum Beruf gemacht haben. Hast Du Lieblingsautorinnen und –autoren, die Deine Ideen für den Roman und vielleicht sogar Deinen Schreibstil beeinflusst haben?

MK: Ob sie mich beeinflusst haben, weiß ich gar nicht genau. Irgendwie beeinflusst einen ja alles. Meine Lieblingsautoren sind unter vielen anderen Charles Bukowski, Raymond Carver, John Irving und Thommie Bayer. „Das Aquarium“ ist mein absolutes Lieblingsbuch. Inspirierend finde ich aber auch Gedichte, Lyrik und Poesie im Allgemeinen. Gedichte von Walt Whitman, Rilke, Morgenstern und ganz besonders von meiner Wortheldin Mascha Kaleko. Was sie in wenigen Worten rausgehauen hat, ist einfach unfassbar gut.

 BJ: Der Scylla Verlag hat seinen Sitz in Bergisch Gladbach, aber Du hast, als Dein Buch im Bergischen erschien, noch in Hamburg gelebt. Wie hast Du denn eigentlich den Verlag gefunden?

MK: Als ich die 18 Tage Schreibzeit hinter mir hatte, war das erste Buch, was ich danach gelesen habe, „Bringt sie zum Schweigen“ aus dem Scylla Verlag. Darin lag ein Einleger mit dem Hinweis, dass die Protagonisten aus dem Buch auf Facebook vertreten sind. Tja, was soll ich sagen, ich habe ihnen eine Freundschaftsanfrage gestellt und sie haben sie angenommen. Mit dem „Pfarrer Gordon“ hatte ich am meisten Kontakt. Wir haben gegenseitig unsere Posts kommentiert und hatten dabei richtig Spaß. „Gordon“ hat dann irgendwann auch über Facebook mitbekommen, dass ich einen Verlag suche. Er empfahl mir, weil er selbst mit Jeannette Graf, der Geschäftsführerin des Scylla Verlags, gern mal einen Tee trinken würde, dass ich ihr mal eine Leseprobe schicken solle. Habe ich gemacht! Kurz darauf lud sie mich nach Köln ein und wir hatten wirklich einen prima Tag mit einem Spaziergang am Rhein, viel Lachen und guten Gesprächen. Wir waren uns schnell einig, dass ‚sechsuhrsieben’ ein Scylla-Buch wird.

BJ: Habt Ihr gemeinsam viel an dem Text verändert? Ist die Geschichte ganz anders geworden?

MK: Wir haben sehr viel gemeinsam an dem Manuskript gearbeitet. Für die erste Lektoratsrunde war ich sogar für 10 Tage in Bergisch Gladbach. Da haben wir fast nonstop zusammen gesessen. Dabei ging es gar nicht so sehr darum, die Handlung zu verändern, die stand bis auf ein paar kleine Details, die wir dann doch noch geändert oder verschoben haben. Vielmehr ging es darum Ungereimtheiten aufzuspüren und zu verändern, Charaktere zu schärfen und zu verdeutlichen und den Spannungsbogen auszufeilen. Das war wirklich noch sehr viel Arbeit. Die aber mit Jeannette zusammen super viel Spaß gemacht hat. Ich habe dabei sehr viel über das Schreiben gelernt. Als der Text fertig war, kam dann auch noch die Covergestaltung, der Buchsatz... all sowas. Insgesamt hat es fast zwei Jahre gedauert.

BJ: Du bist jetzt nach Gläbbisch gezogen und arbeitest als Lektorin in dem Verlag. Ihr bezeichnet Euch selbst als Indie-Verlag. Was bedeutet das eigentlich?

MK: Indie kommt von Independent, das bedeutet wir sind ein unabhängiger Buchverlag, der nicht den großen Verlagshäusern angeschlossen ist.

BJ: Wie unterscheidet sich denn Eure Arbeitsweise von der eines großen Verlags? 

MK: Das kann ich eigentlich gar nicht beurteilen, weil ich noch nie bei einem großen Publikumsverlag gearbeitet habe. Ich vermute, wir haben nicht so einen Zeitdruck, können uns intensiver um jeden einzelnen Autoren und die jeweilige Geschichte kümmern. Wir haben Zeit für Herzblutprojekte. Was gerade für Debütromanautoren sicher angenehm ist. Also für mich war es angenehm.

Wir haben den Luxus, dass wir absolut frei in unserer Programmgestaltung sind und keiner strengen Jahresplanung unterliegen. Wir nehmen was uns gefällt! Richtig toll finden wir alle, dass sich unsere Abteilungen stark vermischen. Wir machen alle alles und bekommen von allem etwas mit.

BJ: Was würdest Du einem angehenden Schriftsteller raten, wenn er ein Buch veröffentlichen will, aber nicht genau weiß, wie? Hast Du Tipps, wie man den richtigen Verlag findet?

MK: Es ist sehr viel Arbeit einen Verlag zu finden. Als ich mit der Suche angefangen habe, besuchte ich extra ein Autorenmarketingseminar. Da gab es den Rat, sich erst eine Agentur zu suchen und nicht direkt an die Verlage heranzutreten. Denn wenn man einmal sein Manuskript an einen Verlag geschickt hat, und es abgelehnt wurde, kann auch eine Agentur nicht mehr helfen. Ich selbst hatte es vor dem Scylla Verlag einer Agentur und einem Publikumsverlag geschickt. Beides waren sehr nette Kontakte, aber letztendlich ist nichts daraus geworden. Debütautoren kann ich, aus meiner Erfahrung, nur raten, sich über Kleinverlage zu informieren. Und egal an wen man sein Manuskript schicken möchte, sollte man sich vorab genau darüber informieren, ob das eigene Werk ins Verlagsprogram passt. Vielleicht auch einfach mal ein Buch aus dem Verlag lesen. Das ist immer ein guter Einstieg!

BJ: Beim Lesen von „sechsuhrsieben“ habe ich ganz oft gedacht, dass Dir Schreiben, Beschreiben und punktgenaue Formulierungen großen Spaß machen müssen. Deshalb steckst Du doch bestimmt schon im nächsten Projekt? Ganz unter uns: Wann kommt Dein nächster Roman raus?

MK: Ich würde supergern wieder einen Roman schreiben. Ich habe auch schon eine kleine Idee, aber die muss wohl noch mit viel Musik reifen. Die Playlist ist lange noch nicht voll. Und ich habe mir fest vorgenommen: Keine schlechte Schreibe! Auf meinem Blog (http://www.und3macht9e.de/ ) veröffentliche ich, bis es wieder Zeit für ein großes Projekt ist, Kürzestgeschichten über Menschendinge. Zusammen mit dem Scylla Verlag und meinen beiden super Kolleginnen, die selbst auch Autorinnen sind, überlegen wir gerade, ob wir nicht mal einen eigenen Kurzgeschichtenband herausbringen sollen. Da hätte ich sehr Lust drauf.

 

- - - Mehr Gelegenheit für Gespräche über die Buchbranche, Lieblingsbücher und die bergische Literaturszene bietet sich am verkaufsoffenen Sonntag, dem 18.06.17. Denn da werden die Scylla-Kolleginnen ab 13 Uhr bei uns sein und das Lesen feiern. Auch Mea Kalcher wird uns beehren und ihr Buch signieren. Kommen Sie gern vorbei! Machen Sie es sich gemütlich, lesen Sie einfach kurz rein und lassen Sie es sich gut gehen. Keine Zeit an dem Tag? Macht nichts. Wir haben immer alle Bücher des Scylla Verlags vorrätig.

 

Lesetipps für den Mai: Ab vom Wege

 

Unsere neuen Buchtipps handeln von ungewohnten Perspektiven, von einem Mädchen, das über Nacht rote Haare bekommt und von der archaischen Welt studentischer Elite-Clubs.

Henning Sußebach: Deutschland ab vom Wege. Rowohlt 2017, ¤ 19,95.

„Mir stand eine Expedition in eine naheliegende Ferne jenseits der Seitenstreifen bevor, auf einem unentdeckten Kontinent gleich nebenan.

Reisejournalismus – zunächst denkt man bei diesem Stichwort wahrscheinlich an Berichte über unwirtliche Touren in fernen Ländern. Doch es gibt auch Bücher, die eher unspektakulär erscheinende Reiserouten beschreiben. Mal sind sie unterhaltsam, mal witzig, mal kontemplativ. Nun hat Henning Sußebach, ein Redakteur der Zeit, einen Reisebericht geschrieben über eine außergewöhnliche Wanderung durch Deutschland. Von der Ostseeküste ging es querfeldein bis zur Zugspitze. „Querfeldein“ ist hier wörtlich gemeint, denn das Besondere an dieser Wanderung ist die Vorgabe, nicht auf asphaltierten und versiegelten Flächen zu gehen. Der moderne Mensch bewegt sich fast ausschließlich auf dieser Fläche, die aber nur 6,2 Prozent der Gesamtfläche Deutschlands ausmacht, so Sußebach. Der übergroße andere Teil, nicht betoniert, nicht versiegelt, nicht asphaltiert, wird zur Fortbewegung kaum einmal betreten und ist daher terra incognita.

Sußebach gelingt eine lesenswerte Reportage, die scheinbar unauffällige Winkel ganz nah beleuchtet und in ausgesprochen poetischer Weise mit dem geschulten Blick eines aufmerksamen Beobachters präsentiert. Lesenswert und aufschlussreich ist dieses Buch vor allem durch den Perspektivwechsel, den der Autor unternimmt. Denn indem er sich zu Fuß abseits der gewohnten Pfade bewegt, sieht er Dinge, die wir als technisierte Passanten nicht wahrnehmen. Straßen werden konsequent gequert, ihnen wird nicht gefolgt. Dies führt bereits am zweiten Tag zu Problemen, als Landesstraßen und Schnellzugstrecken auftauchen. Probleme, die Wildtiere deutlich zu spüren bekommen: Bei einigen Arten liegt die „Sterblichkeit durch Straßenverkehr“ bei 50 Prozent, nicht zu sprechen von der „Verkammerung der Landschaft“, die die Reviere so stark einengt, dass es Inzucht bei Rehen gibt.

„Ich war nie zuvor in diesem Dorf gewesen, wenn doch, musste ich mit den ortsüblichen fünfzig Stundenkilometern hindurchgefahren sein und in weniger als einer Sekunde ein Haus passiert haben, das dünn und flach wie eine Attrappe blieb, in dem sich jetzt aber die Zeit dehnte, zu einem Abend und einer Nacht, darin zwei Menschen, die Minute für Minute mehr Facetten bekamen.“

Notwendige Rastpunkte und Übernachtungsgelegenheiten tauchen genauso ungeplant am Horizont auf wie fremde Menschen, die dem Wanderer Unterkunft und Einblick in ihr Privates gewähren. Dabei kommt auch das Politische nicht zu kurz. Klassische Modernisierungsverlierer vom Land sprechen über ihre Nöte, die von Entscheidungen aus der Stadt resultieren, dort aber kaum wahrgenommen werden.

Ergebnis dieser Wanderung ab vom Wege ist ein wunderbares Buch, das den Leser einlädt, Selbstverständliches zu hinterfragen und sich neuen Denkwegen zu öffnen.

 

Valija Zinck: Penelop und der funkenrote Zauber. Fischer KJB 2017, ¤ 12,99.

Penelop ist ein fröhliches Mädchen mit grauen Haaren, die immer ein wenig nach Rauch riechen. Sie lebt mit ihrer Mutter und der Katze Cucuu in einem kleinen Haus mit der Farbe von Drachenhaut. Den Vater hat sie früh verloren. Oft weiß Penelop schon bevor sie gerufen wird, was sie tun soll oder was der andere zu ihr sagen wird. Für sie ist das völlig normal.

Eines Morgens wacht Penelop auf und ihr Haar ist funkenrot und wild gelockt. Sie fühlt sich glücklich, lebendiger und irgendwie anders. Der Geruch nach Feuer ist verschwunden.

„Vor allem in der Körpermitte war auf einmal so eine Kraft, die ihr durch die Wirbelsäule loderte.“

Penelop verlässt wie immer das Haus und steigt auf ihr Fahrrad, als plötzlich die Straße mit ihr zu sprechen beginnt. Die Straße ist sehr verwundert, dass das Mädchen erst einmal gar nicht versteht, wer mit ihr spricht. Penelop erkennt, dass mit den roten Haaren auch andere Fähigkeiten in ihr wachsen. Von ihrer Mutter erfährt sie, dass sie die roten Haare von ihrem Vater geerbt hat, dass dieser noch lebt und auch besondere Fähigkeiten hat. Eines Tages war er einfach verschwunden. Jeden Monat schickt er einen Brief mit Geld, ansonsten gibt es keinen Kontakt zu ihm.

Nun überschlagen sich die Ereignisse und Penelop beschießt, ihren Vater zu suchen und herauszufinden, warum er damals verschwand.

Valija Zinck veröffentlicht mit „Penelop“ ihr zweites Kinderbuch im Fischer Verlag.

Die Geschichte um das Mädchen mit den roten Haaren ist turbulent, fantasievoll und wirklich spannend. Ein tolles Buch für Mädchen ab 10 Jahren.

 

Takis Würger: Der Club. Kein & Aber 2017, ¤ 22,00.

„Ich hatte noch nie darüber gesprochen, wie einsam ich mich fühlte.“

Auch in diesem düsteren Debütroman geht es, wie in unserem ersten Buchtipp, um eine abseitige Gegenwelt. Hier ist es ein abgeschlossenes System, das nach eigenen archaischen Regeln lebt. Wir folgen dem jungen Hans, Waise, talentierter Boxer, an ein College in Cambridge. Dort soll er auf Bitten seiner distanzierten Tante, die an der Universität lehrt, ein mysteriöses Verbrechen aufklären. Die Täter sind offenbar unter den Mitgliedern des Pitt Club zu finden, eines elitären und geheimnisvollen Zusammenschlusses von männlichen Studenten. Deren Vertrauen soll er gewinnen, indem er sich wie sie an Boxwettkämpfen der Universität beteiligt. Genaueres über die Vorwürfe, die seine Tante erhebt, erfahren zunächst weder Leser noch Protagonist.

„Ich hatte nicht gewusst, wie unterschiedlich Schwarz sein kann. Farewell sagte, dass eigentlich alles grau sei. Schwarz gebe es nicht, das sei keine richtige Farbe, nur eine Illusion.“

Es entspinnt sich eine berührende Geschichte von Freundschaft und Verrat, von Einsamkeit und dem Wunsch nach Zugehörigkeit, von Moral und Schuld, vom Versuch, das Richtige zu tun und der Gefahr, falsche Mittel zu wählen. In einer kühlen, sachlichen Sprache entfaltet sich eine berührende Sogwirkung, die den Leser gnadenlos mitreißt. Die Geschichte wird aus der Perspektive von verschiedenen Figuren erzählt, so dass sich nach und nach aus einzelnen Puzzlestücken ein Gesamtbild zusammensetzt.

„Es gibt Schwarz, dachte ich, es gibt die vollständige Abwesenheit von Licht.“

Wenn man das Buch zu Ende gelesen hat und kurz verschnaufen konnte, wird man sich sicher fragen, was an dieser Geschichte erfunden ist und was auf realen Ereignissen beruht. Takis Würger war nämlich selbst Boxer in Cambridge und Mitglied im Pitt Club. Verlag und Autor betonen, alles sei erfunden. Spannende Nachlese bietet ein Artikel des Autors im Uni Spiegel (Nr. 2/2017) über seine Erlebnisse in Cambridge.

Birgit Jongebloed & Pia Patt

 

 

Lesetipps für den Frühling

 

Paul Auster: 4 3 2 1. Rowohlt 2017, ¤ 29,95.

Als Austerianerin der ersten Stunde freue ich mich sehr über diesen gigantischen Roman, der auf über 1200 Seiten das Leben von Archie Ferguson beschreibt, das Ganze in vier verschiedenen Varianten – so wie es hätte sein können.

Diese verschiedenen Geschichten werden parallel erzählt und ähneln sich hinsichtlich des Personals und dem Charakter der einzelnen Persönlichkeiten. Doch die jeweiligen Lebensentwürfe und äußeren Lebensumstände unterscheiden sich deutlich. Im Detail arbeitet Auster hier heraus, wie sich vermeintlich kleine Entscheidungen massiv auf das Leben im Kleinen wie im Großen auswirken können.

Wer die frühen Romane von Paul Auster kennt, weiß, wie gern er seine meistens ganz sympathischen und mit bester Absicht handelnden Figuren mit gemeinen Schicksalsschlägen und bösartigen Spielarten eines meist unerwartet zuschlagenden Zufalls konfrontiert. Das ist auch in diesem Mammutwerk der Fall. Es macht großen Spaß, diesen Roman, der eigentlich aus vier Romanen besteht, zu lesen, und sich in seinem eigenen Alltag hin und wieder unwillkürlich zu fragen, ob dieses Leben, das man führt, eigentlich das einzig Mögliche oder auch das einzig Richtige ist. Fragen kommen auf: Was wäre, wenn? Was kann ich anders machen? Wie wirken andere Menschen sich auf mein Leben aus? Was entzieht sich meiner Kontrolle, was ist zufallsbedingt, was ist von mir absichtsvoll oder auch unbedacht gesteuert? In jedem Fall wird man sich bestimmt manchmal die Fragilität dessen bewusst machen, was man für selbstverständlich hält.

Eine Ode an das Leben und ein großer Lesegenuss, der nie langweilig oder mühselig wird.

 

Mohamed Amjahid: Unter Weißen. Was es heißt, privilegiert zu sein. Hanser Berlin 2017, ¤ 16,00.

Mohamed Amjahid legt mit seinem gesellschaftspolitischen Bericht eine aufschlussreiche Analyse über den Alltag von ethnischen Minderheiten in Deutschland vor. Er ist politischer Redakteur beim ZEITmagazin und dürfte ein größeres Publikum bereits mit seinen intensiven Recherchen zu den Vorfällen am Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht 2015 erreicht haben. In Deutschland geboren, in Marokko aufgewachsen, Hochschulstudium in Deutschland, ist er ein aufmerksamer Beobachter des gesellschaftlichen Miteinanders geworden. Dieses Buch erzählt nicht primär von Wut über Ignoranz und vorurteilsbeladene Diskussionen. Es möchte vor allem sachlich aufklären über wissenschaftliche Konzepte zu Diskriminierung, Rassismus und Exklusion. Untermauert werden diese Analysen  durch viele Beschreibungen von konkret erlebten Situationen. Letztendlich fordert dieses Buch dazu auf, uns unsere Privilegien bewusst zu machen. Denn nur derjenige kann die Diskriminierung von Minderheiten erkennen, der seine eigenen Privilegien kennt.

Anschaulich beschreibt Amjahid ein Spiel zur Illustrierung dessen,  was er mit „Privilegien“ meint: In diesem Spiel stellt sich eine Gruppe von Leuten in einer Reihe auf. Ein Moderator fragt die Teilnehmer, ob sie bestimmte Privilegien haben. Wer bejaht, geht einen Schritt nach vorn, wer verneint, einen Schritt nach hinten. Die Fragen decken verschiedene Aspekte von Diskriminierung und Privilegierung ab: Geschlecht, sexuelle Identität, Bildung, Wohnsituation usw. Die meisten Teilnehmer bei so einem Spiel sind überrascht, wo sie sich am Ende der Fragerunde befinden. Weiße Männer nur in den USA ganz vorn? Mitnichten.

Wenn dieses Buch auch in einzelnen Punkten vermutlich Stoff zu Diskussionen liefert, so sensibilisiert es doch, regt zum Nachdenken an und ist ein wichtiger Beitrag zur Zeit.

 

James Rayburn: Sie werden dich finden. Tropen 2017, ¤ 14,95.

Kate Swift, menschliche Nahkampfwaffe der CIA, ist vor einigen Jahren bei ihrem Arbeitgeber in Ungnade gefallen, gilt als Verräterin  und muss sich seitdem mit ihrer kleinen Tochter verstecken. Als ihre Tarnung auffliegt, begibt sie sich erneut auf die Flucht. Dabei bleiben Kollateralschäden nicht aus. Denn ihre Verfolger sind gnadenlos. Allen voran Lucien Benway, ein übellauniger und skrupelloser Ex-Kollege, ebenfalls von der CIA verbannt, ebenfalls hinter Kate her, denn er hat mit ihr noch eine persönliche Rechnung offen.

Ein rasanter Politthriller, der einen teilweise recht drastischen Einblick in die Schattenseiten der Geheimdienste gewährt. Dabei geht es auch um dunkle, nur ansatzweise legale Aktivitäten der US-Regierung und um deren Kooperation mit Diktatoren des arabischen und asiatischen Raums. James Rayburn schreibt unter seinem bekannteren Namen Roger Smith Südafrika-Thriller, die deutlich fieser sind als dieses Buch und zart besaitete Leser wie mich tendenziell traumatisiert zurücklassen. Dagegen ist „Sie werden dich finden“ gut verdaulich. Rasant, kühl, realistisch – mein Krimi-Tipp des Frühlings.

Lesetipps von Birgit Jongebloed

 

Krimitipp!

 

Katarzyna Bonda: Das Mädchen aus dem Norden. Heyne 2017, ¤ 16,99.

Katarzyna Bonda, Jahrgang 1977, ist eine bei uns vollkommen unbekannte Autorin. In Polen ist sie sehr erfolgreich und gehört mit einigen Sachbüchern und Romanen zu den meistgelesenen Autorinnen ihres Landes. Gerade ist ihr Krimi „Das Mädchen aus dem Norden“ auf Deutsch erschienen.

Das Buch beginnt mit einer Vorgeschichte im Jahr 1993. 20 Jahre später kehrt die Profilerin Sasza Zaluska, eine ehemalige Polizistin, zusammen mit ihrer kleinen Tochter in ihre Heimat Polen zurück. Eigentlich möchte sie hier nur ihre kriminalwissenschaftliche Doktorarbeit schreiben und ihrer Tochter den Kontakt zu Großmutter und Familie ermöglichen. Viel schneller als erwartet holt sie jedoch nicht nur ihre private, sondern auch ihre berufliche Vergangenheit ein.

Sasza Zaluska ist gerade nach Danzig zurückgekehrt, als sie unerwartet ein Angebot bekommt. Sie soll für eine Privatperson profilen – ein Auftrag, den sie gegen ihr Bauchgefühl und ihre Erfahrung annimmt, nicht zuletzt wegen der in Aussicht stehenden üppigen Bezahlung. Die Recherchen führen sie in eine Diskothek, in der kriminelle Machenschaften zu beobachten sind. Als dort kurze Zeit später ein Mord geschieht, nehmen ihre ehemaligen Kollegen von der Polizei Kontakt zu ihr auf. Sie wird als Spezialistin zu den Ermittlungen hinzugezogen.

Da ihre Methode nicht von allen Polizisten geschätzt wird, ist sie immer wieder gezwungen, auf eigene Faust zu ermitteln. Sie entdeckt einen Zusammenhang zu einem Kriminalfall, der 20 Jahre zurückliegt. Einige der Verdächtigen des aktuellen Mordfalls scheinen hierzu eine Verbindung zu haben.

Welche Rolle spielt ein Priester, der sehr medienwirksam agiert? Und was hat „Das Mädchen aus dem Norden“ mit all den Geschehnissen zu tun?

Bonda spielt ungemein spannend mit vielen kriminellen Klischees. Neben Drogenhandel, Autoschieberei und Bandenkriminalität treibt aber vor allem ein weitverzweigter Rachefeldzug die Geschichte voran.

Temporeich, dennoch nie hektisch, schickt Katarzyna Bonda ihre weibliche Hauptfigur Sasza Zaluska durch Danzig und Umgebung. Auch wenn es wirklich viele handelnde Personen gibt (sehr erfreulich ist das Personenregister im Anhang), verliert die Autorin nie den roten Faden. Ihre Hauptfigur ist ausgesprochen glaubhaft. Einige Ausflüge in deren Privatleben runden den Charakter der Figur ab, doch die Autorin konzentriert sich immer auf die Geschichte, die sie erzählen will. Alle Fäden werden gekonnt zusammengeführt.

Ein Krimi, der eben keinem Klischee entspricht. Wirklich fesselnd.

Ein Lesetipp von Pia Patt

 

Lieblingsneuerscheinungen im Februar 2017

 

Martin Suter: Elefant. Diogenes 2017, ¤ 24,00.

Martin Suter ist ein regelmäßiger Gast auf den Bestsellerlisten, und auch mit seinem neuen Roman "Elefant" hat er sich wieder schnell an die Spitze der meistverkauften Bücher gesetzt.

Völlig zu Recht. Der Inhalt mutet zwar ein wenig phantastisch an - einem Obdachlosen erscheint ein rosa Elefant, der im Dunkeln leuchtet. Nun ja, denkt man zunächst, vermutlich eine Halluzination, dem Alkoholmissbrauch geschuldet, und wäre wohl schon geneigt, das Buch wieder beiseite zu legen, würde nicht die Buchhändlerin hektisch eingreifen und dringend zur Lektüre raten!

In sich ist diese Geschichte um einen Mini-Elefanten nämlich absolut stimmig und glaubwürdig. Der rosa Elefant ist keine Einbildung, sondern reales Ergebnis von fragwürdigen Versuchen skrupelloser Wissenschaftler, die aus Profitgier Genmanipulation betreiben. Es geht um große Themen wie die Vereinbarkeit von Zukunftstechnologie, Fortschritt und Moral, um Tierversuche, Ethik, und Fürsorge.

Süffig geschrieben und spannend - die perfekte Lektüre für ein verregnetes Wochenende.

 

Hanya Yanagihara, Ein wenig Leben. Hanser Berlin 2017, ¤ 28,00.

Manchmal raunt es schon vor Erscheinen eines Buches durch Feuilleton und Literaturblogs, dass da etwas Großes kommen wird. Anhand von Vorabexemplaren wird dafür gesorgt, dass das Buch direkt besprochen und von den Buchhandlungen bestellt wird.

Manchmal schürt der Verlag eine besondere Neugier, so auch im Fall dieses Romans. Hanser lud einige Literaturblogger, Buchhändler und Journalisten in ein einsames Landhaus für ein Wochenende ein, wo sie nur eines tun sollten: dieses Buch lesen. Daraufhin äußerten sie sich in den sozialen Medien begeistert über dieses Buch, alle waren hin und weg. Hymnische Besprechungen in nahezu jeder größeren Tageszeitung folgten.

Auch ich konnte angesichts dieser ungeteilten Begeisterung nicht widerstehen und habe begonnen, dieses Buch zu lesen. Aus „nur mal kurz einen Blick reinwerfen“ wurde der nächtliche Exodus aus dem gemeinsamen Schlafzimmer, weil mein Lebensgefährte nachts irritierenderweise schlafen will, ich aber nicht. Ich will lesen, lesen, lesen. Dieses Buch hat bei mir eingeschlagen wie eine Granate und ich gebe zu: gern wäre ich bei diesem Lese-Wochenende im Landhaus dabei gewesen, denn drei Tage am Stück nur in diesem Buch lesen zu dürfen, das wäre momentan genau mein größter Wunsch.

Kurz zum Inhalt, ohne zuviel zu verraten: Es geht um vier Männer und ihre Freundschaft, die seit Collegezeiten den roten Faden in ihrem Leben bildet. Das Zentrum dieser Gruppe und des Romans bildet Jude, dessen dunkle Dämonen ihn und seine Freunde an den Rand des Abgrunds ziehen. Dieses Buch entfaltet eine magische Sogwirkung, eine herzergreifende, traurig-schöne, düstere und zugleich hoffnungsvolle Geschichte über Freundschaft und unendlichem Leid. Ein Buch, das einem unter die Haut geht und das man nicht vergisst.

 

Charles Foster: Der Geschmack von Laub und Erde. Malik 2017, ¤ 20,00.

Wer gern Sachbücher liest, wird in diesem Jahr ebenfalls nicht zu kurz kommen. Das anregendste Sachbuch im Januar war für mich dieses Buch eines vielgereisten englischen Tierarztes, zu dessen Publikationsschwerpunkten neben Tierbeobachtung Recht, Philosophie und Ethik gehören.

Er versucht in diesem Buch, sich nicht nur theoretisch, sondern auch ganz praktisch in Tiere hineinzuversetzen und die Welt mit ihren Sinnen zu erleben. Wie er das umsetzt, ist wirklich spektakulär und in seinem Streben, sich möglichst vollständig in die Perspektive des Tieres hineinzuversetzen, erfrischend verschroben.

So lebt er zeitweise wie ein Dachs und haust unter der Erde. Er versucht, sich in ein Wesen zu verwandeln, das stärker vom Geruchssinn geprägt ist als der Mensch mit seiner visuellen Wahrnehmung. Dazu nimmt er an Blindverkostungen teil und versucht, seinen ganzen Alltag stärker auf eine olfaktorische Erfassung seiner Umgebung auszurichten.

Dieses Buch ist bei allem philosophischen und erkenntnistheoretischen Anspruch nie trocken oder gar langweilig, sondern immer ausgesprochen kurzweilig. Der Dachs-Episode folgt das Erleben aus der Wahrnehmung eines Otters. Otter entleeren ihren Darm, um ihr Revier zu markieren. Also schickt Foster seine Kinder zum Fluss, um zu markieren ("Aber fallt nicht drauf, und seid zum Essen zurück."), was aber leider nicht sofort klappt ("Menschenkinder können ihren Darm nicht auf Befehl entleeren, und ihnen nur diesem Buch zuliebe Abführmittel in die Rice Crispies zu mischen wäre gemein"). Als es dann doch gelingt, untersucht Foster die Hinterlassenschaften, um herauszufinden, wie eindeutig sie jeweils auf den Urheber zurückführbar seien, wie einzigartig also diese Markierung ist ("Das war eine ekelhafte Aufgabe, und es muss ziemlich pervers ausgesehen haben, wie wir schnüffelnd das Flussufer entlangkrabbelten.").

Es folgen ähnlich erfrischende Exkursionen in die Wahrnehmungswelt und Lebensweise eines Fuchses in der Großstadt und eines Mauerseglers. Ideal für Naturliebhaber und Freunde unterhaltsamer Wissenschaftsbücher.

Schmökertipps von Birgit Jongebloed

 

Literaturtipp: Abtauchen und Abschalten

J.L. Carr, Ein Monat auf dem Land. DuMont Buchverlag 2016, ¤ 18,00

"Ach nun kommen Sie schon“, sagte ich ein wenig gereizt.Wir waren in der Hölle und sind wieder herausgekommen. Das ist, finde ich, gut genug. Wir sind nur für begrenzte Zeit auf Erden, und ich habe beschlossen, es zu nehmen, wie es kommt."

Tom Birkin, ein traumatisierter junger Mann, Veteran des Ersten Weltkriegs, kommt 1920 nach Oxgodby, ein kleines Dorf in Yorkshire. Hier soll er nach dem Willen einer begüterten, inzwischen verstorbenen Dame ein Wandgemälde in der Kirche freilegen und restaurieren. Miss Hebrons Vermächtnis stellt der Kirchenstiftung eine großzügige Summe in Aussicht, aber (sehr zum Ärger von Reverend Keach) erst nach vollendeter Freilegung des übertünchten Wandgemäldes. Birkin ist ein Fachmann mit enormen ikonographischen Kenntnissen und geht vollkommen in seiner Arbeit auf. Nach und nach zeigt sich, völlig unerwartet, ein atemberaubendes mittelalterliches Meisterwerk unter dem Putz der letzten Jahrhunderte.

Doch nicht nur dieses Wandgemälde mit Szenen aus dem Jüngsten Gericht wird freigelegt, sondern auch das Trauma des jungen Restaurators. Der Hölle des Granatenhagels bei Passendale (einer entsetzlichen Schlacht mit vielen Toten) konnte er zwar körperlich unversehrt entkommen, wurde aber seelisch und nervlich beschädigt. Seine linke Gesichtshälfte zuckt unter Stress unkontrolliert, er stottert. In Oxgodby trifft er einen weiteren Überlebenden. Auch er wurde von Miss Hebrons Testamentsvollstreckern engagiert. Auch er soll Verschüttetes und Vergessenes ans Licht fördern, in diesem Fall die sterblichen Überreste eines Vorfahren der Verstorbenen.

"Das Wunderbare war indes, dass ich in dieser Oase des Friedens gelandet war und mir einen Sommer lang über nichts anderes den Kopf zerbrechen müsste, als dieses Wandgemälde freizulegen."

Das einfache ländliche Leben entspannt Birkin, der stete Rhythmus von Leben und Arbeit nimmt ihn ein. Das Wetter ist grandios, die Landschaft ein Genuss. Doch erst die erfüllende Beschäftigung mit dem Wandgemälde und die fürsorglichen Dorfbewohner heilen nach und nach seine seelischen Wunden. Da ist die schöne Frau des ruppigen Reverends, die ihn oft besucht, da sind die Kinder des Bahnhofvorstehers, durch deren Initiative er ein gern gesehener Gast in ihrer Familie wird. Er wird Schiedsrichter beim Kricket, er besucht die Kapelle der Methodisten und hilft in der Sonntagsschule. So findet er langsam zurück ins Leben.

Die Idylle in Oxgodby ist wie eine aus der Zeit gefallene Welt, in die auch der Leser wunderbar abtauchen kann. Das könnte alles furchtbar kitschig sein, ist es aber nicht. Dafür sorgt ein feiner Sarkasmus. Ein kluges, ruhiges Buch, das in England schon 1980 erschien und nun endlich auch ins Deutsche übersetzt wurde.

Ein Lesetipp von Birgit Jongebloed